Moment by Moment

Verschwommene Aufnahme eines roten VW Bulli in voller Fahrt. Im Hintergrund ist der Zuckerhut und der Hafen von Rio de Janeiro zu sehen.

Mit dem Bulli um die Welt

Peter Gebhard ist Abenteurer von Berufs wegen. Seit fast 40 Jahren bricht der Reisefotograf immer wieder auf in die Fremde, um nach seiner Rückkehr mit Bildern und Geschichten Menschen zu berühren. Seinen großen Trip von Istanbul ans Nordkap hat er mit einem Reisegefährten unternommen, der seinem Berufsverständnis sehr entspricht: einem 50 Jahre alten Bulli. Wollen Sie einen Eindruck von Peter Gebhards Erzähltalent erhalten? Einen Video-Ausschnitt des Interviews erhalten Sie über unseren Newsletter.

Text: Akiko Lachenmann | Fotos: Peter Gebhard

In einer endlosen grauen Lkw-Kolonne in einem dieser einspurigen österreichischen Alpentunnel blitzt auf einmal etwas Hellrotes auf. Ein zwischen zwei Sattelschleppern eingequetschter T1-Bulli versucht wacker, die Spur zu halten. Alles andere wäre auch lebensgefährlich. Denn der VW-Bus der ersten Generation hat weder Knautschzone noch ABS. „Ein leichter Aufprall nur, und die Beine sind weg“, sagt sein Besitzer und Lenker Peter Gebhard. Dass er sich dennoch für dieses Fahrzeug entschieden hat, erscheint wahnwitzig angesichts der Route, die noch vor ihm liegt. Der Paderborner befindet sich auf dem Weg von seiner Heimatstadt nach Istanbul. Und dort soll die eigentliche Reise erst losgehen: über den Balkan und mehrere Stationen in Mitteleuropa bis ans Nordkap, Skandinaviens nördlichste Spitze. 15 000 Kilometer Wegstrecke, und das mit 44 PS.

Mit Reisefieber geboren

Doch Peter Gebhard ist nicht irgendein Größenwahnsinniger, der sich in einer Midlife-Crisis etwas beweisen muss. Kaum jemand kennt seine Grenzen besser als der erfahrene Reisefotograf. Seit fast 40 Jahren macht sich der jetzt 61-Jährige immer wieder auf den Weg mit seiner Kamera in die entlegensten Regionen dieser Erde, um von dort atemberaubende Landschaftsaufnahmen und Geschichten von Menschen mitzubringen, von deren Existenz gewöhnliche Urlauber sonst niemals erfahren hätten: Er hat Wodka mit russischen Bergarbeitern in Spitzbergen getrunken, Schaffarmer in Patagonien auf ihrem Treck zur Winterweide begleitet, ist Wladimir Putin begegnet, als dieser noch ein unbeschriebenes Blatt war, und sah im Big Apple zu, wie sich Julio aus Chelsea in eine Dragqueen verwandelte. Peter hat Vulkanausbrüche auf Island erlebt, im tiefsten Dschungel Südmexikos Rituale des Maya-Volks der Lacandonen dokumentiert und ist über den bolivianischen Salzsee Salar de Uyuni, die weltweit größte Salzwüste, in 4.000 Meter Höhe gelaufen. Die Liste von Höhepunkten ließe sich beliebig fortführen. Doch Peter beabsichtigt gar nicht, sein Publikum mit Superlativen zu beeindrucken. „Mir geht es darum, die Herzen der Menschen zu bewegen“, sagt er.
Er blickt weit zurück in seine Kindheit, um zu erhellen, woher sein Reisefieber und seine Lust am Erzählen stammen Schon als Fünfjähriger habe er mit Hingabe Landkarten studiert, erzählt er. „Ich konnte tagelang darauf starren und mir Geschichten dazu ausdenken.“ Bevor der Knirps in die Schule kam, hielt er bereits manche seiner Fantasiereisen wie „Der Zauberer von Caracas“ auf der Schreibmaschine seines Vaters fest. Auf der Fahrt zu Oma und Opa nach Oberfranken wies der kleine Peter den Eltern mit dem Straßenatlas den Weg. Mit 15 Jahren wurden ihm die Urlaubsreisen mit der Familie zu öde – er fuhr stattdessen mit einem Kumpel per Interrail nach Skandinavien. Dort macht er – im wahrsten Sinne des Wortes – seine erste Grenzerfahrung: In Ostfinnland schlich er sich mit seiner Kamera durch die Sperrzone bis an die Grenze zur damaligen Sowjetunion.

Eine neue Leidenschaft

Auf weiteren Reisen in den Norden Europas entwickelt sich aus der Knipserei eine Leidenschaft für Naturfotografie. Er macht Aufnahmen von schneebedeckten Baumwipfeln, wilden Felsformationen und einsamen Hochmooren. Als sein erstes Bild in einem schwedischen Naturkalender veröffentlicht wird, ist sein Ehrgeiz vollends entfacht: Peter besteht die künstlerische Aufnahmeprüfung und beginnt an der Fachhochschule Bielefeld Fotodesign zu studieren.
Für seine Studienarbeiten fliegt er nach New York und Reykjavík – teure Reiseziele, die er mit Studentenjobs und ersten Fotoaufträgen finanziert. Eine Bonbonkollektion hier, eine Hochzeit da, Fotos für den Prospekt eines Seniorenheims. Bei der Bilderauswahl mit der Heimleiterin hat er zufällig zwei Stangenmagazine Dias dabei. Daraufhin fragt sie ihn, ob er die Bilder nicht ihren Bewohnerinnen zeigen könnte. „Am 7. Januar 1987 hielt ich vor sechs adrett gekleideten älteren Damen meinen ersten Diavortrag über meine Islandreisen“, erinnert sich Peter. Nach dieser Premiere hat er schweißnasse Hände. Aber schon damals spürt er in den leuchtenden Augen der Zuschauer die Kraft seiner Geschichten. (…) Mehr

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Dieser Artikel stammt aus der Sommer-Ausgabe 02/2021: Abenteuer. Vom Reisen in die Welt und zu uns selbst.

„Ich verstehe mich in gewisser Weise
als ein Medium: Ich fahre raus, suche die Quintessenz
eines Landes oder einer Kultur und präsentiere
sie dann meinem Publikum.”

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