Moment by Moment

Was ruft, wenn das Abenteuer ruft?

Spieltrieb, Experimentierfreude, Wissensdrang oder Neugier – die Motive, welche die Abenteuerlust in uns wecken, sind so vielfältig wie das, was verschiedene Menschen als Abenteuer erleben. Für manche sind es Reisen in ferne Länder oder ins eigene Bewusstsein, für andere Elternschaft oder der Traumberuf. Christiane Wolf beleuchtet die verschiedenen Facetten der Abenteuerlust, die sie selbst auf verschlungenen Pfaden von Europa in die USA und von der Gynäkologie zur Meditation geführt hat.

Text: Christiane Wolf

Als Teenager glaubte ich, dass die Antwort auf meine Fragen nach dem Wieso, Weshalb, Warum im Äußeren zu finden sei. Das war insofern richtig, als ich aus der mentalen Enge der ländlichen Umgebung, in der ich aufwuchs, raus musste. Ich reiste. Europa rief.
Kurz vor dem Abitur war ich per Anhalter nach England unterwegs – gibt es außer mir noch andere Eltern, denen bei dem Gedanken, dass ihre Kinder durch Europa trampen, ganz schlecht wird? – und traf auf der Fähre einen jungen Mann, der gerade aus Thailand zurückkehrte, wo er mehrere Jahre als buddhistischer Mönch ordiniert gewesen war. Er hatte eine Ausstrahlung, die mich aufmerken ließ. Die Tatsache, dass er auch noch gut aussah und bereits im reifen Alter von 26 Jahren war, machte mich dann noch wacher.

Abenteuer Theravada-Buddhismus

Über diese Verbindung landete ich ein paar Monate später in Amaravati, einem buddhistischen Kloster außerhalb von London, um diesem vage gespürten Etwas nachzugehen. Amaravati wird in der thailändischen Theravada- Waldtradition nach Ajahn Chah geleitet. Sein bekanntester Schüler im Westen ist vermutlich Jack Kornfield. Ich lernte dort, was die drei Juwelen sind, dass es für mich herausfordernder ist, ab Mittag nichts mehr zu essen, als um vier Uhr morgens aufzustehen, Nonnen Praktizierende zweiter Klasse sind und in der Meditation, entgegen meinen Erwartungen, erst mal gar nichts passiert. Da war dann trotz Versuchung das Abenteuer, mich für ein Jahr ordinieren zu lassen, doch zu groß. Diese nicht wahrgenommene Auszeit, oder sollte ich besser „In-Zeit“ sagen, ist eine der Entscheidungen in meinem Leben, die ich im Rückblick anders getroffen hätte.
Aber die Reise nach innen begann, ausgelöst durch die äußere Reise. Das hat sich im Lauf der Jahre oft wiederholt. Auf der Suche nach – was? Diesem Etwas, das ich in der Person des ehemaligen Mönchs erkannt hatte. William Blake spricht so schön vom „Unbekannten, nicht Unvernommenen“. Eine Sehnsucht, ein Verlangen, das Gefühl, dass etwas fehlt – wir machen uns auf die Suche.

Lust auf Abenteuer

Was treibt uns zum Abenteuer? Was lässt uns die letzten Ecken der Welt erforschen, mit dem Boot, dem Bulli oder zu Fuß, durch ein Elektronenmikroskop oder ein Riesenteleskop, das uns tief ins All schauen lässt?
Ein Instinkt? Etwas Angeborenes? Ja, sagen Wissenschaftler, die dem Erforschungsdrang oder Spieltrieb von Babys, Primaten und Ratten (die stehen auf der Liste der Superspieler ganz oben) nachgehen. Viele Tierarten haben einen ausgeprägten Spieltrieb, was jeder Hunde- oder Katzenbesitzer bestätigen kann. Aber keine Spezies spielt so intensiv wie der Mensch. Ein Baby oder Kleinkind, dass nicht spielend seine Umgebung und sich selbst erforscht, ist nicht gesund. Schon Friedrich Schiller hat bemerkt, dass „der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt“.

Ausprobieren als Abenteuer

Es gibt viele Arten von Spielen, aber besonders wichtig ist das ziellose Ausprobieren und Herumspielen. Mein Sohn steckte sich mit sechs Jahren das kleinste seiner Legoteilchen tief ins Ohr, und viele erinnern sich vielleicht an Astrid Lindgrens unvergesslichen Michel in der Suppenschüssel. Die Motivation der beiden Kinder? Mal sehen, ob das geht! Mehr braucht es nicht. Wir können das als Unfug abtun oder uns ärgern – in meinem Fall war ein Besuch bei einem befreundeten Augenarzt angesagt, der das Legoteilchen mit einer Mikropinzette wieder aus dem Ohr herauszauberte, in Michels Fall ging besagte Suppenschüssel zu Bruch. Oder wir können sagen: Das ist ein weiteres Blatt im Buch der gemachten Erfahrungen, und wer weiß, wozu das mal gut ist!
Alfredo Moser, ein Automechaniker in Brasilien, war frustriert von den ständigen Stromausfällen in seiner Stadt, die seine kleine Werkstatt am helllichten Tag dunkel werden ließen. Er erinnerte sich daran, dass sich Licht in Wasser bricht, füllte eine leere Cola-Plastikflasche mit Wasser und steckte sie in ein Loch in der Decke. Das Ergebnis: Es ward Licht, und zwar mit der Helligkeit einer 50- bis 60-Watt-Birne! Und das, ohne einen Centavo ausgegeben zu haben! So wurde 2002 die „Bottle of Light“ geboren. Seine Idee sprach sich herum und wird nun weltweit in Gegenden genutzt, in denen es keinen oder nur wenig Strom und kaum Geld gibt.
Der griechische Universalgelehrte Archimedes wurde im 3. Jahrhundert v. Chr. von seinem König beauftragt, festzustellen, ob die Krone, die er hatte anfertigen lassen, tatsächlich aus reinem Gold war. Archimedes hatte nicht die geringste Ahnung, wie er das herausfinden sollte, ohne sie zu zerstören. Er zerbrach sich den Kopf, zum einen, weil das sein Job war, aber auch, weil es damals lebensgefährlich sein konnte, wenn man seinen König nicht zufriedenstellte. Frustriert stieg er schließlich in seine bis zum Rand gefüllte Badewanne, und als das Wasser überschwappte, traf ihn mit Wucht sein Heureka, sein „Ich hab’s!“: Ein Körper verdrängt die gleiche Menge Wasser, die seiner Dichte entspricht! Ob er dann tatsächlich nackt und jubelnd durch die Straßen von Syrakus gesprungen ist, überlassen wir der Fantasie, aber es war mit Sicherheit ein unvergesslicher Moment in seinem Leben, und er ist uns bis heute sowohl als Heureka-Moment als auch als das archimedische Prinzip erhalten geblieben.

Kreativität und Abenteuer

Ohne Wissensdrang und Neugier würde es nicht nur keine Forschung geben, sie liegen auch jeglicher Form von Kreativität zugrunde. Und jede Antwort auf eine Frage zieht üblicherweise neue Fragen nach sich. Manchmal sind sie noch faszinierender als die Ausgangsfrage. Doch diese Art von Neugier ist nicht immer willkommen, denn neues Wissen rüttelt oft an bisherigen Gewissheiten. (…) Mehr

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Dieser Artikel stammt aus der Sommer-Ausgabe 02/2021: Abenteuer. Vom Reisen in die Welt und zu uns selbst.

„Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten der Neugier zu erspüren, ist eine spannende Achtsamkeitsübung: Wie ist die unterschwellige Gefühlstönung?”

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