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Stilisiertes Foto: Mehrere Personen legen ihre Hände aufeinander.

Deep Democracy: Wandel durch Widerstand

Wie gelingt Wandel? Diese zentrale Frage unserer Zeit betrifft nicht nur die notwendige soziale, ökologische und ökonomische Transformation der Gesellschaft, sondern auch jedes einzelne Unternehmen. Deep Democracy ist eine Methode aus der Prozessorientierten Psychologie, die aufkeimenden Widerstand gegen Veränderungen nicht ablehnt, sondern zum Motor der Entwicklung macht.

Text: Christiane Leiste | Foto: Rawpixel

Deep Democracy geht auf den Physiker und Psychotherapeuten Arnold Mindell und seine Prozessorientierte Psychologie zurück. Der Ansatz entstammt dem therapeutischen Bereich, findet heute aber auch Anwendung in Gruppenprozessen, z.B. in der Entdeckung und Nutzung von kreativen Potenzialen, die sich in gesellschaftlichen Gruppen oder Unternehmen in Form von Widerstand äußern. Statt Widerstand und Negation lediglich als Weigerung wahrzunehmen, geht Deep Democracy davon aus, dass für den Wandel relevante Informationen erst im Zusammenspiel von scheinbar unvereinbaren Positionen hervortreten.

Voraussetzung hierfür ist, dass alle beteiligten Personen und Gruppen ihre individuellen Positionen, Emotionen, Wünsche, Wahrnehmungen und Ideen frei zum Ausdruck bringen können, ohne sich von möglichen Reaktionen anderer Gruppenmitglieder abschrecken oder blockieren zu lassen. Der folgende Austausch in der Gruppe fördert die Auseinandersetzung mit diesen Positionen und macht es möglich, in scheinbaren Widersprüchen neue Lösungen und Wege zu entdecken, die die ganze Gruppe transformieren können, ganz gleich ob im sozialen Bereich oder in der Wirtschaft.

Start in Südafrika

Den Anfang machten Myrna und Greg Lewis in Südafrika unmittelbar nach der Abschaffung der Rassentrennung. Die Ausgangssituation war eine tief gespaltene und in weiten Teilen schwer traumatisierte Gesellschaft. Das Ziel bestand darin, möglichst viele Menschen mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen in die notwendigen Lösungsprozesse zu integrieren, weil sie davon überzeugt waren, dass die Betroffenen immer auch das Wissen für eine tragfähige Lösung in sich tragen, etwa in Form der inneren Weisheit einer Gruppe.

Die Arbeit von Myrna und Greg Lewis begann 1994. In dem großen halbstaatlichen Energieversorgungsunternehmen ESKOM schaffte ein Manager, der eine Abteilung von 5.000 Mitarbeitern führte, kurzerhand alle Hierarchieebenen ab. Schwarze und Weiße sollten auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Ein zuvor unerhörtes Vorhaben. Da das zu heftigen, immer wieder aufflammenden Konflikten führte, wurden Myrna und Greg Lewis beauftragt, die Mitarbeiter in Konfliktlösungsmethoden zu schulen. So entstand Deep Democracy, eine Methode, die inzwischen in vielen Ländern gelehrt wird und in Unternehmen, Schulen und Hochschulen zum Einsatz kommt.

Wie Deep Democracy funktioniert

Wenn Menschen in einer demokratischen Abstimmung unterliegen, heißt das nicht, dass sie auch die Gründe für die Mehrheitsentscheidung akzeptieren. Sehr oft, so zeigt die Erfahrung, bauen sie einen inneren Widerstand dagegen auf. Dieser wird zwangsläufig zu mehr oder minder starken Konflikten führen. Daher ist es wichtig, von Anfang an auf Widerstände zu achten und sie ernst zu nehmen. Im Prozess lernen die Teilnehmenden zu erkennen, auf welcher Stufe des Widerstands sich die betreffende Gruppe befindet. Leichte Formen von Widerstand können zum Beispiel Witze, Ausreden und Tratsch sein. Das ist immer ein Ausdruck dafür, dass Menschen sich nicht gehört fühlen. Setzt sich das fort, steigert sich der Widerstand und findet seinen Ausdruck in Störungen und Streiks. Der Prozess hilft uns, einen klaren, unverstellten Blick auf das zu entwickeln, was da gärt, um möglichst früh im Sinne aller reagieren zu können.

Da Widerstand vor allem da wächst, wo Menschen nicht gehört werden, geht es zunächst darum, alle Stimmen hörbar zu machen und zu integrieren. Das geschieht in vier Schritten, wobei erst einmal so viele Sichtweisen wie möglich zu Wort kommen, um ein möglichst umfassendes Bild zu bekommen.

Üblicherweise wird von Anfang an versucht, eine einheitliche Stimmung zu schaffen, einen Konsens, der zur Norm wird, egal wie er erzielt worden ist. So suchen Führungskräfte nach Zustimmung für häufig bereits im Vorfeld entwickelte Lösungen. Davon abweichende Perspektiven werden ignoriert, vertuscht oder überspielt. Menschen mit anderer Meinung werden zwar höflich behandelt, aber übergangen oder auf ihren Platz verwiesen. (…) Mehr

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Dieser Artikel stammt aus unserer Winter-Ausgabe 04/2021: Schlaf und Traum. Ihre Bedeutung für Gesundheit, Resilienz und Wohlbefinden.

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