Giulia Enders, Ärztin und Autorin, richtet den Blick auf unseren Körper als eine Familie von Organen, die uns mehr lehren können, als wir ahnen. Im Interview spricht sie über Bedürfnisse, die wir leicht überhören, und erstaunliche Fähigkeiten unseres Körpers wie die Weichheit der Lunge, die Geduld der Haut und die Weisheit unseres Immunsystems. Sie lädt uns ein, in unseren Körper hineinzuhorchen und ihn als Verbündeten in einer Zeit zu gewinnen, die das Menschliche leicht übersieht.
Interview: Stefanie Hammer | Foto: Julia Sellmann
Frau Enders, Sie arbeiteten als Internistin in einem Krankenhaus. Als Ärztin und Autorin nehmen Sie nun nach dem Darm den ganzen Körper mit allen Organen unter die Lupe. Warum?
Bei meiner Arbeit im Krankenhaus habe ich bald gemerkt: Ich kann mich nicht nur auf ein Organ konzentrieren. In einem Körper hängt alles zusammen, und der Schlaf des Gehirns hat genauso einen Einfluss auf unsere Verdauung wie die Luftqualität oder der Zustand der Lungen. Ich musste mich also, um eine gute Ärztin zu sein, immer wieder auch in andere Themen einlesen und sozusagen „die Familie“ des Darms besser kennenlernen.
Welches Verhältnis haben wir Menschen heute zu unserem Körper?
Menschen gehen sehr unterschiedlich mit ihrem Körper um. Im Krankenhaus ist mir allerdings immer wieder aufgefallen, dass sich viele Worte aus der Technik, der Wirtschaft oder Social Media bei uns eingeschlichen haben. Dann sagen Leute, ihr Rücken sei „kaputt“, zeigen mir bei der körperlichen Untersuchung ihre „Makel“ und „Schäden“ oder fühlen den Druck, nach einer späten Fehlgeburt „schnell wieder zu funktionieren“. Wenn dann selbst der coole, große Typ, von dem man das auf der Straße nie erwartet hätte, im Arztzimmer gesteht, häufig an Ängsten zu leiden und sich oft einsam zu fühlen, drängt sich irgendwann der Eindruck auf: Haben wir uns eine Welt zurechtgeschustert, in der es besser erscheint, eine Maschine und kein Mensch zu sein?
Die Lunge, das Immunsystem, die Haut, die Muskeln und das Gehirn sind Ihre Lieblinge. Wieso nicht die Leber oder die Nieren?
Die Organe im Buch stehen für wichtige menschliche Bedürfnisse: das Immunsystem für Sicherheit, die Haut für Beziehungen, Verbindung und Verletzung, die Muskeln für Kraft und Wirksamkeit, die Lunge vertritt die körperlichen Grundbedürfnisse – von denen das Atmen das wichtigste ist –, und das Gehirn steht für alles Übersinnliche – unser Denken und das Sein. Alles in unserer Entwicklung beruht auf Bedürfnissen: durch das Bedürfnis, Sauerstoff zu bekommen, sind Lebewesen an Land gegangen, Hunger hat uns zum Ackerbau gebracht und die Sehnsucht nach Verbindung zu Social Media geführt. Gerade in einer Zeit, in der große Firmen unsere Bedürfnisse oft austricksen, finde ich es wichtig, den Körper zu Wort kommen zu lassen.
Nach dem Tod Ihrer Großmutter, der Sie sehr nahestanden, haben Sie sich mit unserem größten Organ, der Haut beschäftigt. Das hat Sie zu einer tiefen Erkenntnis geführt. Welche war das?
Obwohl meine Großmutter für mich einer der wichtigsten Menschen gewesen ist, konnte ich anfangs nicht trauern. Ich stand auf, ging zur Arbeit und abends ins Bett. Dann las ich einen Text über die Haut und Wunden, und auf einmal flossen die Tränen. Ich habe angefangen, mich näher mit diesem Organ zu beschäftigen, und konnte das Wissen darüber nutzen, um mit meiner Trauer besser umzugehen. Wie bei Wunden hatte ich in der Anfangszeit das Gefühl, von einer Kruste, einer Art seelischem Wundschorf bedeckt zu sein. Ich war wie taub. Doch unter so einem Wundschorf passiert einiges: Gewebstrümmer werden weggeräumt, Fasern neu organisiert, und es wird angelockt, was es braucht, um zu heilen. Dieser Vorgang war für mich wie ein Vorbild, an dem ich mich entlanghangeln konnte. Ich dachte: Liefern Organe uns auch in anderen Lebensbereichen hilfreiche Perspektiven? Dazu kam die Frage in Bezug auf unsere Lebensweise: Könnte uns eine körperliche Perspektive helfen, im Strudel unserer Zeit das Menschliche zu bewahren? Könnte unser Körper uns zeigen, wie unser Arbeitsleben oder unser soziales Miteinander stimmiger wären? Ich entdeckte, dass unsere Organe uns Antworten auf die Frage geben: Was brauchen wir wirklich? (…) Mehr
