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Keine Angst vor der Angst

Angst gehört zum Leben dazu, doch oft weichen wir ihr aus. Wie lernen wir, sie wahrzunehmen, ohne uns überwältigen zu lassen? Mut, Achtsamkeit und neue Erfahrungen, die nicht unseren Befürchtungen entsprechen, schenken uns Schritt für Schritt mehr Freiheit.

Text: Anne Frobeen | Foto: Roman Samborskyi

Gibt es ein Leben ohne Angst? Wohl kaum, denn Angst ist ein lebenswichtiges Signal. Sie warnt uns vor Gefahren und mobilisiert die nötigen Kräfte, um eine gefährliche Situation zu bewältigen. Warum laufen wir trotzdem so oft vor ihr davon? Und wie kann es uns gelingen, mit ihr zu leben?

Angst ist unangenehm, weil sie uns signalisiert, dass eine Gefahr droht, möglicherweise eine lebensbedrohliche. Sie drängt uns, zu kämpfen, zu fliehen oder uns der Bedrohung durch Totstellen oder unterwürfiges Verhalten zu entziehen. Ist die Gefahr real, kann sie unsere Überlebenschancen erhöhen. Angst kann sich aber auch verselbstständigen.

Die Angst im Körper

Wir alle erleben Angst auf ganz persönliche Weise: als Zittern im Bauch, als Enge in der Brust, als Druck in der Kehle. Oder wir spüren, wie das Blut in den Kopf steigt, das Herz hämmert, der Atem stockt. Vielleicht überfallen uns Gedanken, die uns künftige Leiden ausmalen und uns sagen, dass wir sie nicht aushalten werden.

Die kanadisch-US-amerikanische Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett erforscht seit Jahren, wie Emotionen entstehen. Ihr Fazit: „Angst entsteht, wie andere Gefühle auch, aus dem Zusammenspiel unserer Erfahrungen und den Signalen, die unser Gehirn von außen und innen empfängt.“

Das Gehirn kann diese Signale lediglich durch physiologische Veränderungen des Körpers wahrnehmen, so Feldman Barrett. Es kann weder hören, sehen noch fühlen. Darum „rät“ es, was diese Veränderungen bedeuten. Dazu nutzt es unsere erinnerten Erfahrungen, das, was wir selbst erlebt, bei anderen beobachtet oder auch nur gehört oder gelesen haben. Im Gehirn sind sie zu Kategorien zusammengefasst. So kann es etwa einen schnelleren Herzschlag und ein Zittern im Bauch als Anzeichen von Angst deuten, aber auch von Aufregung oder Vorfreude. Der eine erlebt deshalb den schwarzen Hund, der auf ihn zuläuft, als Gefahr, die andere freut sich darauf, ein flauschiges Tier zu streicheln.

Zugleich sagt das Gehirn voraus, was als Nächstes passieren wird und wie wir uns gleich fühlen werden. Wann immer es prognostiziert, dass das Gleichgewicht im Körper beeinträchtigt werden könnte, plant es Gegenmaßnahmen. Das reicht von „Du hast Durst, trink etwas!“ bis zu „Du wirst gleich verletzt werden, wappne dich!“. Dazu erstellt das Gehirn Pläne. Auch hierfür nutzt es unsere Erfahrungen. Bei Gefahr z.B.: Was hat uns in ähnlichen Situationen geholfen? Weglaufen? Kämpfen? Um Hilfe rufen? Anhand der einströmenden Signale und unserer Erfahrungen wählt es den erfolgversprechendsten Plan und veranlasst uns, ihn auszuführen.

All diese Vorgänge laufen unbewusst in nur 100 bis 200 Millisekunden ab, so Feldman Barrett. Auf diese Weise entstehen sowohl unsere inneren als auch unsere beobachtbaren Reaktionen – unsere Vorfreude, den Hund zu streicheln, oder das Ausweichen vor ihm, das Hämmern des Herzens und die Anspannung der Muskeln.

Wie wir reagieren, kann von verschiedenen Faktoren abhängen. Je mehr wir beispielsweise unsere Vorstellungen darüber, was gefährlich ist, ausweiten und je weniger wir sie überprüfen, desto eher machen wir daraus eine ständige Quelle des Unbehagens. Angst kann zu einer Krankheit werden. Dass bestimmte Wesen, etwa Spinnen oder Schlangen, Furcht auslösen – was Phobie genannt wird – kann mit einer genetischen Disposition zu tun haben. Wie stark sie sich äußert, hängt aber mit unseren Erfahrungen zusammen.

Die Welle der Angst

Manche Areale des Gehirns sind im Zustand der Angst besonders aktiv. Gut erforscht ist vor allem die Amygdala, eine Region im limbischen System: Sie sorgt dafür, dass unser sympathisches Nervensystem aktiviert wird, das unter anderem unsere Muskeln mit Energie versorgt und den Blutdruck erhöht. Zugleich bewirkt sie, dass stressrelevante Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol freigesetzt werden, die uns für die Flucht oder den Kampf wappnen.

Diese physiologische Reaktion klingt in der Regel nach wenigen Sekunden oder Minuten ab – solange wir sie nicht durch angstvolle Gedanken, Vorstellungen und Geschichten nähren. Dann kann sie uns Tage oder Jahre verfolgen. Das kann zu Panikattacken führen, zu Sucht als Versuch, ihr zu entgehen, zu obsessiver Beschäftigung mit unseren Sorgen, zur Angst vor der Angst selbst.

Können wir der Angst im Moment begegnen, sie erleben und vorübergehen lassen, greifen schnell die angstlösenden Mechanismen unseres Körpers. Unsere Fähigkeit zum bewussten Entscheiden wirkt regulierend. Ein hemmender Neurotransmitter, die Gamma-Aminobuttersäure, sorgt dafür, dass die Amygdala und andere beteiligte Hirnareale ihre Erregung drosseln. Das sympathische Nervensystem kehrt in den Normalzustand zurück und sein Gegenpol, das parasympathische Nervensystem, kann seine beruhigende Wirkung entfalten. Zugleich sinkt die Konzentration der stressrelevanten Hormone. (…) Mehr

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