Über 1,7 Millionen Menschen folgen Rachel Barr auf Tiktok und Instagram – höchst ungewöhnlich für eine molekulare Neurowissenschaftlerin, die im Labor die feinen Verästelungen von Neuronen und die elektrophysiologischen Prozesse im Gehirn erforscht. Das Geheimnis ihres Erfolgs: Sie erklärt komplexe Zusammenhänge und wissenschaftliche Erkenntnisse in verständlicher Sprache und auf witzige Weise, und sie zeigt, wie wir unserer Gesundheit zuliebe lernen können, mit unserem Gehirn statt gegen es zu arbeiten.
Text und Interview: Norbert Classen | Illustration: Marie Montocchio
Die meisten Menschen identifizieren sich, das heißt ihr Bewusstsein, mit ihrem Gehirn. Die schottisch-kanadische Neurowissenschaftlerin Rachel Barr betont, dass dies ein weit verbreiteter Irrtum ist, und vergleicht unser Gehirn mit einer fürsorglichen Mitbewohnerin in unserem Kopf, die ab und zu – vor allem in Stresssituationen – unsere Küche in Brand steckt.
„Das Gehirn hat seine eigene Persönlichkeit und agiert hinter den Kulissen“, so Barr. Viele der Millionen Eindrücke, die jeden Moment auf uns einprasseln, filtert es in den feinen Verästelungen der Neuronen heraus und erschafft so in Zusammenarbeit mit unserem Bewusstsein unsere Welt, z.B., wenn wir ein Buch lesen und alles andere um uns herum ausblenden. Wir können mit dem Protagonisten eines Krimis oder einer fiktiven Person im Kino mitfiebern, als wären wir vor Ort – auch wenn wir wissen, dass es „nur“ ein Buch oder ein Film ist.
„Unser Gehirn ist dabei in der Lage, Szenen oder Situationen so geschickt zu manipulieren, dass wir es nicht bemerken“, erklärt Rachel Barr. „Auf diese Weise erschafft es sogar unser Selbstbild und unsere Persönlichkeit.“ Das macht es, indem es feine neuronale Bahnen und Verschaltungen entwickelt, die durch Wiederholung einer Erfahrung oder eines Gedankens stärker und stärker werden, bis sich feste neuronale Muster und daraus folgende Gewohnheiten bilden.
„Neuronale Pfade sind wie die Spurrillen eines Schlittens im Schnee“, so Rachel Barr. „Je öfter man sie nutzt, desto tiefer werden sie und umso schwieriger wird es, sie zu verlassen.“ Und manchmal können uns diese Pfade dann in Gedankenkreise, Grübeln, Sucht und Depressionen führen. So wie Barrs Mutter, eine depressive Alkoholikerin, die sich vor einigen Jahren das Leben genommen hat. „Diese Erfahrung hat mir klargemacht, wie wichtig es ist, mit unserem Gehirn zu arbeiten und nicht gegen es. Wir sollten es als eigenständige Einheit betrachten und es mit der Sorgfalt und dem Mitgefühl behandeln, die wir kleinen Kindern und Haustieren entgegenbringen.“
Feeding the Beast
Das gilt vor allem in Stresssituationen, die zum festen Bestandteil unseres modernen Lebens geworden zu sein scheinen. „Heutzutage sind wir alle chronisch gestresst“, erklärt Barr. „Wenn etwas Stressiges passiert, sendet das Gehirn Signale an die Nebennieren. Als Reaktion darauf produzieren die eine Menge des Stresshormons Cortisol, um mit der Situation fertigzuwerden. Das gelangt dann zurück ins Gehirn und wird von Rezeptoren im Hippocampus aufgenommen, wodurch das Gehirn weiß, dass die Stressreaktion erledigt ist und der Körper wieder in den Ruhezustand zurückkehren kann. Wenn das jedoch häufig vorkommt, können diese Rezeptoren durch Überbeanspruchung ausbrennen, was bedeutet, dass wir unser Bremssystem verlieren und chronisch gestresst sind. Im Gehirn werden dann auf mikroskopischer Ebene sich verstärkende Entzündungsvorgänge sichtbar, die unsere geistige und körperliche Gesundheit beeinträchtigen.“
Wir selbst fördern diesen Teufelskreis oft durch unsere eingefahrenen Gedanken und Verhal tensweisen, indem wir uns selbst Stress machen – auch ohne äußeren Anlass, indem wir zum Beispiel unsere Arbeit oder die Probleme im Job mit nach Hause nehmen und uns selbst antreiben, als würden wir den Atem unseres Chefs im Nacken spüren. Auch das sind Automatismen in unserem Gehirn, die wir selbst mit erschaffen haben.
„Kontrollieren können wir unser Gehirn nicht“, sagt Barr, „da wir zu den meisten seiner Funktionen gar keinen Zugang haben. Was wir kontrollieren können, ist, womit wir das Biest füttern“, führt sie halb scherzend weiter aus. „Es liegt an uns, die Umgebungen zu gestalten, in denen sich das Gehirn zurechtfinden soll, welche Inhalte wir ihm zuführen, die dann seine nächsten Launen motivieren.“ Wir können zum Beispiel eine Naturdoku statt eines Krimis anschauen oder einen Spaziergang machen, statt weiter vor dem Computer zu hocken.
Der Weg hinaus
Rachel Barr hält wenig von Trends und Hacks wie Eisbaden, die ihr zufolge völlig überschätzt werden und bei genauer statistischer Betrachtung zwar im Moment etwas bringen, aber auf Dauer so gut wie nichts ändern – im Gegenteil, sie erzeugen zusätzlichen Stress. „Solche Methoden bekommen unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit in den Medien für die winzigen Effekte, die damit erzielt werden können. Da wir uns nicht täglich ins Eiswasser stürzen, bleibt auch die Neubildung neuronaler Netze aus, die nur durch regelmäßige Wiederholung gebildet werden.“
„Stattdessen wäre es besser, sich auf wirkungsvolle Maßnahmen zu konzentrieren, wie einfach dafür zu sorgen, dass wir ausreichend Schlaf bekommen“, so Barr. Im Labor zeigen morgendliche Gehirnscans, dass die Entzündungsprozesse im Gehirn nach sieben bis acht Stunden Schlaf deutlich abklingen – ein positiver Effekt der sich Nacht für Nacht steigert. „Oder indem wir dafür sorgen, dass unsere sozialen Bedürfnisse – zum Beispiel das Zusammensein mit geliebten Menschen – erfüllt werden. Das setzt jede Menge stressminderndes Oxytocin im Gehirn frei. Schlaf und das freundliche Miteinander mit anderen Menschen sind wissenschaftlich gesehen die zwei wichtigsten Faktoren für die Erholung unseres Gehirns – und genau mit ihnen tun wir uns im Alltag oft schwer.“ (…) Mehr
