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Spotlight Martin Inderbitzin

Im Jahr 2012 promovierte Martin Inderbitzin im Fach Neurowissenschaften an der Universität Barcelona über die Auswirkungen von Stress und Emotionen auf das Gehirn. Er hatte bereits ein vielversprechendes Arbeitsangebot in der Tasche, seine Karriere konnte beginnen – doch es kam anders als geplant. Bei einem Gesundheits-Check-up erhält er im Alter von 34 Jahren die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. Statt zu verzweifeln, nimmt er die niederschmetternde Nachricht als Herausforderung an. Allein sein TEDx-Talk „My survival story“ aus dem Jahr 2014 hat mehr als 700.000 Aufrufe. Seine Erfahrung, mit einer lebensbedrohlichen Krankheit zu überleben und mit ihr zu leben, sowie sein wissenschaftliches Fachwissen sind das Fundament für seine Arbeit als Seminarleiter und Keynote-Speaker: Menschen Mut zum Leben zu machen.

Interview: Stefanie Hammer | Foto: Martin Inderbitzin

Martin, du hast einmal gesagt, als der Arzt dir die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs mitgeteilt hat, hat das alles in dir und deinem Leben zerstört. Wenn du heute auf diesen Moment zurückblickst: Denkst du, es gibt eine Möglichkeit, diesen Schock zu verhindern, also Menschen so zu begleiten, dass sie trotz einer lebensbedrohlichen Diagnose nicht in ein seelisches Loch fallen?

Den Schock ganz zu verhindern, ist schwierig, weil so eine Diagnose ans Eingemachte geht. Es wäre naiv, zu glauben, man könne da ein Pflaster draufmachen oder das irgendwie relativieren, weil es eine existenzielle Angst auslöst.

Was wir machen können – also auch die Ärzte und Leute im Gesundheitssystem – ist, die Diagnose in ihren Kontext zu stellen. Der Körper folgt keiner Statistik, und wenn eine Diagnose auf dem Tisch liegt, heißt das noch nicht, dass es so kommen muss. Ich glaube, diese Tür müssen wir den Patienten offen lassen. Indem wir ihnen eine Geschichte erzählen von anderen Betroffenen, die entgegen allen Statistiken weitergelebt haben. Mein Arzt hat gleich gesagt: „Googeln Sie das nicht!“

Habe ich natürlich trotzdem gemacht – keine gute Idee. Und er hat mir auch von einem jungen Patienten erzählt, den er vor ein paar Jahren erfolgreich behandelt hat. Das hat mir in dem Moment, als ich die Google-Ergebnisse gelesen habe, sehr geholfen, sie in Relation zu setzen.

Schon während deiner ersten Chemotherapie hast du dich zu einem Triathlon angemeldet. Du sagst, es war eine der wichtigsten Entscheidungen in deinem Leben. Warum?

Die Anmeldung zu dem Triathlon bedeutete für mich, Ja zu sagen, während alles um mich herum Nein gesagt hat – ein symbolischer Akt, eine Heldenreise. Damit habe ich gesagt: „Okay, das ist jetzt nicht ideal, aber ich möchte trotzdem weitergehen und etwas machen.“ Diese Symbolkraft war ganz wichtig. Es hätte auch etwas anderes sein können, es ging nicht um den Triathlon.

Ich glaube, das war für mich mehr ein Angst-Coping als ein gesundheitsförderndes Ding, also mir zu überlegen: Was mache ich jetzt und wie gehe ich damit um? Der Triathlon war das Ausgefallenste, was ich mir vorstellen konnte. Wenn ich die Chemo und den Krebs überlebe, kann ich auch einen Triathlon meistern. Das hat alles relativiert.

Am Anfang fanden die Onkologen das nicht so cool, aber das war vor 13 Jahren. Inzwischen gibt es immer mehr Studien, die zeigen, dass nicht nur bei Krebs, sondern auch bei anderen Krankheiten körperliche Aktivität enorm wichtig ist. Aber darum ging es in dem Moment gar nicht, sondern darum, dass ich nicht mehr die Tage gezählt habe, bis die Chemo rum ist, sondern die Tage bis zum Start des Marathons.

Du sagst, dass Krebs eine der am meisten unterschätzten mentalen und psychischen Herausforderungen ist. Warum wird dieser Aspekt so oft übersehen?

Ich glaube, weil die körperliche Herausforderung so offensichtlich ist. Man sieht, da gibt es Tumore, an die man jetzt mit Chemotherapie, Bestrahlung und Operationen ranmuss. Und das ganze Gesundheitssystem ist hochspezialisiert auf diese technischen Aspekte.

Wir sind damit beschäftigt, uns um den Körper zu kümmern. Dabei gerät in den Hintergrund, wie riesig die mentale und psychische Belastung ist. Klar, man bekommt gesagt: „Sprechen Sie mal mit einem Psychoonkologen.“ Aber man ist schon vollauf beschäftig mit den Radiologen, Onkologen, Chirurgen und Anästhesisten. Für das Mentale und Psychische muss ich mich entscheiden.

Man könnte das Gesundheitssystem auch verbessern, indem man den Patienten eine mentale Vorbereitung für eine große OP oder Chemo anbietet. Dann gäbe es wahrscheinlich weniger Komplikationen und Nebenwirkungen. Aber das braucht wohl noch Zeit.

In dieser Hinsicht ist deine Lebensgeschichte auch politisch, vor allem mit Blick auf das Gesundheitssystem.

Ja. Ein klassisches Beispiel: Ich hatte sechs große Operationen an der Leber, weil mein Krebs dort wiedergekommen ist. Wenn ich mich für diese Operationen vorbereiten möchte, zum Beispiel, indem ich in ein Krafttraining gehe, muss ich das selbst bezahlen. Ich habe nur eine gesetzliche Krankenversicherung, und nach der Diagnose wurden alle Zusatzversicherungen abgelehnt. Dann schneiden sie mich auf und die Bauchmuskeln sind kaputt – und ich kann im Nachhinein für teures Geld Physiotherapie buchen. Viel besser wäre es doch, so ein Training vorab als Prävention einzuplanen. Vielleicht kann man dann zwei Tage schneller aus dem Krankenhaus entlassen werden. Das wäre viel billiger. Aber das geht halt nicht, zumindest nicht hier in der Schweiz.

Körper und Geist sind untrennbar miteinander verbunden – wie genau diese Verbindung funktioniert, ist in vielen Bereichen immer noch ein Geheimnis. Was hast du dazu herausgefunden?

Wie viel Zeit haben wir? (Beide lachen) Ich glaube, das Gehirn ist schlussendlich ein Geschichtenerzähler. Und je nachdem, welche Geschichte wir uns erzählen, löst das unterschiedliche Emotionen und physiologische Zustände in uns aus. Wenn ich also im Fall einer Krebsdiagnose sage: „Ich sterbe bald“, kriege ich Angst und löse damit eine Stressreaktion aus. Dann flutet Cortisol den Körper, was den Herzschlag, die Muskelspannung und mein Handeln verändert. Es ist eine Kettenreaktion.

Umgekehrt kann ich die Geschichte auf etwas Konstruktives lenken. Ich kann sagen: „Hey, es gibt neue Behandlungsformen, es gibt Patienten, die haben überlebt. Das ist kein Todesurteil.“ Das beruhigt das System – es werden andere Hormone ausgeschüttet, und das fördert zum Beispiel das Immunsystem, das ja sehr stressanfällig ist. In jedem Fall führt es zu positiven Reaktionen im Körper. Wir können auch direkt mit dem Körper arbeiten, um die Geschichte im Kopf zu beruhigen oder zu stabilisieren. Wenn ich in einer Gedankenschleife hänge und nicht mehr rauskomme, kann es helfen, wenn ich mich zum Schwitzen bringe, eine kalte Dusche nehme oder ein Entspannungsbad. Das kann helfen, den Hormonhaushalt zu regulieren und ein positives Feedback auszulösen. (…) Mehr

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