Tobias Esch ist Arzt, Neurowissenschaftler und Leiter des Instituts für Integrative und Mind- Body-Medizin an der Universität Witten/Herdecke. Seit Jahren untersucht er – unter anderem an der Harvard Medical School und der Berliner Charité –, wie Selbstheilung funktioniert und wie ihre Potenziale in Therapie und Vorsorge genutzt werden können. In seinem Leitartikel verbindet er Medizin und Psychologie und erläutert die Dimensionen einer nachhaltigen, ganzheitlichen Gesundheit.
Text: Tobias Esch | Foto: Marina Weigl
Die Gesundheit stärken, bewusst gesund bleiben – wer will das nicht? Doch was ist eigentlich Gesundheit? Die Antwort wird von Person zu Person unterschiedlich ausfallen, und selbst Institutionen, die für sie sorgen, sind sich da nicht einig. Auch im Laufe eines Lebens dürften sie unterschiedlich ausfallen: Was Jugendliche und alte Menschen unter Gesundheit verstehen und was sie ihnen wert ist, unterscheidet sich. Alles ist im Fluss, auch die Gesundheit: wie wir sie definieren, wie wir unsere eigene Gesundheit einschätzen und welche Bedeutung wir ihr beimessen. Niemand hat hier eine allgemeingültige Definition. Das macht es kompliziert – und spannend zugleich.
Was ist Gesundheit?
Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet Gesundheit als mehr denn die Abwesenheit von Krankheit. Sie definiert sie als „einen Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“ – eine Vision, die aber kaum je erreicht wird.
Die Medizin dagegen definiert Gesundheit als einen Normalzustand: wenn die wesentlichen Parameter im Referenzbereich liegen. Auch hier wird Gesundheit eher von außen definiert, es wird gemessen und verglichen – sie wird objektiviert. Ich muss als Untersuchter noch nicht einmal gefragt werden, um als gesund oder krank eingeordnet zu werden. Auch diese Definition ist nicht falsch, aber sie ist eben nur eine Definition.
Eine dritte Beschreibung sieht in der Gesundheit einen Individualzustand, eine subjektive Entscheidung. Hier geht es um das, was ich den „inneren Arzt“ nenne: die betroffene Person und ihr Selbst. In dieser Definition deutet das Subjekt sich und seine Beziehung zur Welt: Gesundheit meint einen Zustand, in dem man sich subjektiv gesund fühlt, d.h., man interpretiert den eigenen Zustand selbstbewusst als gesund (oder eben nicht) – und zwar unabhängig von einem äußeren Ideal oder einem vermeintlich objektiven Standard, der für alle gilt. Im Individualzustand sind Gesundheit und Krankheit höchstpersönlich.
Diese Sichtweise geht unter anderem zurück auf Thure von Uexküll (1908–2004). Der gebürtige Heidelberger war ein zentraler Wegbereiter einer integrativen und ganzheitlichen Medizin und als Arzt und Wissenschaftler weithin bekannt. Von Uexküll beklagte den Dualismus in der Medizin, der leider bis heute vorherrscht – mit einer Polarität zwischen einem „kranken Körper ohne Seele“ und einer „leidenden Seele ohne Körper“. Diese aus seiner Sicht unsinnige Aufspaltung zwischen Körper (Soma) und Seele/Geist (Psyche) wollte er überwinden.
Sinn und Signifikanz
Bekannt ist von Uexküll auch durch seine Beiträge zur Zeichentheorie, der sogenannten Semiotik (später Biosemiotik) geworden. Demnach ist das Leben als das Zusammenwirken steter Kommunikation und Interpretation aufzufassen: Allen Dingen und Erfahrungen werden durch die Subjekte individuelle Bedeutungen (Zeichen) zugemessen, und erst durch die Kommunikation über sie und ihre Interpretation wird das Leben ermöglicht. Die Bedeutung – beziehungsweise der Sinn – steht hier also im Mittelpunkt. Das gilt auch für die Gesundheit.
Mit dieser Sichtweise setzte von Uexküll unter anderem bei Viktor von Weizsäcker (1886–1957) an. Dieser war ebenfalls Arzt und gilt bis heute als der eigentliche Begründer der psychosomatischen Medizin, die in Heidelberg ihren Anfang nahm. Hier hat von Weizsäcker auch seine Ideen zum „Gestaltkreis“ formuliert, mit dem er die Einheit von subjektiver Wahrnehmung und Bewegung theoretisch darzustellen versuchte. Auch sein Ziel war, das Subjekt, den einzelnen Menschen, in die Medizin und die Erforschung des Lebendigen einzuführen. Der erste Satz seines Buches Der Gestaltkreis lautet: „Um Lebendes zu erforschen, muss man sich am Leben beteiligen.“
Zwischen Subjekt und Objekt
Ein wesentlicher Gedanke des Gestaltkreises ist die Einheit von Wahrnehmen und Bewegen. Viktor von Weizsäcker wollte die Subjektivität in eine strukturelle Beziehung zur Umwelt bringen und damit auch die in der Medizin verfestigte Subjekt-Objekt-Spaltung infrage stellen und letztlich überwinden. Später knüpfte der chilenische Neurobiologe und Systemtheoretiker Humberto Maturana (1928–2021) hier an. Nach ihm ist Gesundheit Ausdruck eines größeren subjektiven Sinnzusammenhangs: Selbsterhalt (und Gesunderhalt) hängen mit einer erfolgreichen Selbstorganisation zusammen. Das Individuum – das Selbst – organsiert sich und damit sein Leben, sein Lebendigsein, durch seine Fähigkeit, die eigene subjektive Welt zu erschaffen und ihr auch einen Sinn zuzuschreiben. Maturana nennt diesen Prozess der Selbsterschaffung und -erhaltung Autopoiese (von griechisch autos, „selbst“, und poiein, „schaffen“). Mit dem Ansatz der Autopoiese ist er zu dem Schluss gekommen, dass es in der Biologie letztlich nichts wirklich Objektives gebe, ja dass sogar keine objektive Welt existiere, weil alles Sichtbare bzw. Wahrnehmbare erst im subjektiven Bewusstsein erschaffen werden müsse. Die relationale Quantenmechanik kommt heute zu dem gleichen Ergebnis.
Zusammen mit seinem Landsmann, dem Biologen und Neurowissenschaftler Francisco Varela (1946–2001), der sich auch stark für den Dialog zwischen den Naturwissenschaften und der Bewusstseinsforschung eingesetzt hat und ein wichtiger Pionier der Meditations- und Achtsamkeitsforschung wurde (u.a. Mitbegründer des Mind & Life Institute), stellte Maturana fest, dass das Nervensystem keinen direkten und unmittelbaren Bezug zur Außenwelt besitzt, sondern vielmehr wie ein Übersetzer funktioniert, um aus der äußeren Umgebung ein inneres Bild der Welt zu erschaffen: durch indirektes Schlussfolgern, die sogenannte rekursive Operation. Die Welt, wie wir sie zu kennen meinen, ist demnach nur die subjektive Interpretation unserer Wahrnehmung. Eine absolute Unterscheidbarkeit zwischen Realität und Illusion, auch zwischen der Erste-Personund Dritte-Person-Perspektive, schließen Maturana und Varela daher aus.
Der Autopoiese liegt in diesem Kontext die Idee zugrunde, dass das Leben ein ständiger, sich selbst erschaffender und regulierender Prozess der Selbstverwirklichung ist. Dabei werden Soll- und Istwerte – der Bauplan, nach dem das Leben funktioniert – in einem dynamischen Prozess ständig selbst erzeugt und überprüft. Und im „Zweifelsfall“ auch „selbstständig“ verändert und angepasst. Das ist das Besondere und der Unterschied zu einer Maschine: Lebendige Organismen sind sich selbst organisierende Systeme, die wechselnde Beziehungen zu ihrer Umwelt unterhalten und zugleich in der Lage sind, in einer sich ständig wandelnden Welt nicht nur funktionsfähig zu bleiben, sondern sich auch aktiv anzupassen und dabei doch als Einheit bestehen zu bleiben. Maschinen dagegen, die nach rein kybernetischen Algorithmen funktionieren, also nach Regelkreisen und den Vorgaben eines Bauplans nach Sollwerten, die jeweils von außen kommen, auf die dann „stur“ mit einer Anpassung der Istwerte durch das innere „Maschinenwerk“ reagiert wird, sind vermeintlich objektiv, in jedem Fall aber keine „Selbsterzeuger“ und in diesem Sinne niemals lebendig. Gleiches mag für künstliche Intelligenz gelten – zumindest in diesem Moment, da sie auf von Menschen programmierten Agorithmen basiert.
Leben braucht demzufolge das Innen, es braucht uns selbst, braucht Bewegung, Bedeutung und Richtung – eine subjektive, dynamische Bezogenheit. Das gilt auch für die Gesundheit. (…) Mehr
