Schauen Sie zuversichtlich in die Zukunft? Vertrauen Sie auf Ihre Stärken? Wie sich Zuversicht auf unsere körperliche und geistige Gesundheit auswirkt, darüber schreibt der Neurologe und Psychiater Volker Busch in diesem Artikel. Und er zeigt, wie Sie diese innere Haltung entwickeln lernen und warum sie zu den wichtigsten Gesundheitsressourcen zählt.
Text: Volker Busch | Foto: Martin Reisch
Zuversicht ist weit mehr als ein gutes Gefühl. Sie ist das feste Vertrauen auf eine positive Entwicklung. Zuversicht bedeutet, dass wir etwas tun können, damit die Zukunft besser wird. Auch wenn es in unserer gegenwärtigen herausfordernden Zeit etwas schwieriger erscheint, das Positive zu sehen: Zuversicht macht uns aktiv, handlungsfähig – und genau das wirkt heilsam auf Körper und Geist. Aus der Forschung weiß man: Zuversicht reduziert Stresshormone, stärkt das Immunsystem, verbessert den Schlaf und die Heilungsprozesse. In diesem Sinn ist sie eine Superressource – eine innere Kraft, die uns in herausfordernden Zeiten trägt.
Zuversicht ist nicht gleich Hoffnung
Wir verwenden beide Begriffe gern synonym, doch sie sind grundverschieden. Hoffnung liegt in der Zukunft und richtet sich auf etwas, das wir kaum beeinflussen können. Wir hoffen auf Frieden, gutes Wetter oder die richtigen Lottozahlen – und bleiben dabei meist passiv. Zuversicht hingegen liegt im Jetzt, bezieht uns mit ein und fordert uns zum Handeln auf. Sie lebt vom Vertrauen in unsere Fähigkeit, Situationen selbst zu gestalten und ins Positive zu wenden.
Wir können auf ein langes Leben hoffen – oder zuversichtlich sein, dass wir durch Bewegung, gesunde Ernährung und weniger Stress etwas dazu beitragen. Diese Haltung verändert unser Erleben. Wie bei der Vorfreude auf ein gutes Essen wird durch Zuversicht Dopamin ausgeschüttet und das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Das erzeugt eine positive Aufbruchsstimmung und motiviert uns zu kleinen Schritten in Richtung gesunder Lebensstil.
Wir sind als Spezies ins Gelingen verliebt. In unserem Gehirn werden wir alle von diesem Belohnungssystem angetrieben, das immer dann maximale Glücksgefühle erzeugt, wenn wir eine Herausforderung bewältigen. Nichts bewegt und belohnt uns so sehr wie das Lösen von Problemen. Darauf dürfen wir vertrauen. Vertrauen ist der Nährboden der Zuversicht.
Sie ist keine angeborene Tugend, sondern ein Muskel, den wir durch beständiges Training stärken können. Und wie jeder Muskel wächst auch dieser nur durch Widerstand. Wer nie mit Herausforderungen konfrontiert wird, hat wenig Anlass, Vertrauen in seine eigene Stärke zu entwickeln. Das gilt umso mehr in den herausfordernden Zeiten, in denen wir gerade leben.
Ein klares Ziel vor Augen
Dabei geht es nicht um illusorische Traumvorstellungen einer idealen Zukunft, sondern um eine realistische Strecke, die wir uns zutrauen und von der wir glauben, dass wir sie schaffen können. Kernspintomografische Studien zeigen, dass Menschen mit einer optimistischen Sicht das Belohnungssystem im Gehirn stärker aktivieren. Wobei das dadurch ausgelöste angenehme Gefühl eher nebensächlich ist. Eine Aufbruchsstimmung entsteht, wenn wir wissen, wohin wir wollen – und daran glauben, dass wir dorthin gelangen werden. Dasselbe gilt im Zusammenhang mit Heilung und Gesundheit: Ein klares Ziel vor Augen aktiviert unser Gehirn – genauer: den inneren Problemlöser. Studien zeigen, dass Patientinnen und Patienten nach Herzoperationen oder Krebserkrankungen schneller genesen, wenn sie früh Pläne für die Zeit danach schmieden. Wer die eigene Zukunft aktiv gestalten will, fördert die Heilung.
Es ist ein entscheidender Teil jeder Therapie, dem Patienten einen Horizont für eine lebenswerte Zukunft zu eröffnen. Das beginnt damit, gemeinsam ein Ziel zu finden und zu formulieren, dass er sich zu erreichen wünscht. Und einen realistischen Plan aufzustellen, an den er glauben kann und den er sich zutraut. Das mag nicht in sämtlichen Krisen des Lebens möglich sein, aber in den allermeisten. Denn so wie uns die Aussicht auf Berge oder das Meer Licht und Weite schenkt, wirkt auch die innere Aussicht auf ein besseres Morgen heilsam. Zuversicht entsteht nicht aus Illusionen, sondern aus einer realistischen, selbst gewählten Perspektive. Sie gibt uns Richtung – und Halt.
Handeln statt hoffen
Im Alltag knüpfen wir unsere Zuversicht oft an äußere Bedingungen: politische Entscheidungen, Forschungsergebnisse oder glückliche Fügungen. Oder wir glauben, sie hingen in erster Linie von vielen klugen Gedanken oder dem richtigen Mindset ab. Doch es sind vielmehr unsere früheren Erfahrungen des Gelingens, die uns Mut machen – und dabei tiefe Spuren im Gehirn hinterlassen. Jeder noch so kleine Erfolg flüstert uns mit leiser Stimme zu: „Geschafft!“, „Es geht doch!“ oder „Es kann gelingen!“.
Genau deshalb entsteht Zuversicht selten allein durch Denken. Sie braucht Handeln. Es bringt relativ wenig, sich mutmachende Sinnsprüche in Form von Postkarten an die Kühlschranktür zu kleben und zu erwarten, dass man durch sie Selbstvertrauen entwickelt, wenn man ansonsten passiv bleibt und abwartet.
Erinnern Sie sich daran, wie viel Sie schon gemeistert haben: Trennungen, Prüfungen, Operationen, Verluste. Unser Gehirn speichert solche Erfahrungen als Beweise unserer Selbstwirksamkeit – und greift in Krisen darauf zurück. Rückblickend erkennen wir, dass vieles leichter war, als wir befürchtet hatten. Wer sich an solche Bewältigungserfahrungen erinnert, aktiviert genau die neuronalen Netzwerke, die Selbstwirksamkeit stärken. Das Gehirn lernt: Ich kann etwas bewirken.
Zuversicht erwächst also aus dem Tun, nicht aus dem Denken. Ein Kind, das laufen lernt, macht diese Erfahrung ganz unmittelbar: Es fällt, steht auf, versucht es wieder – und spürt, dass es klappt. Mit jedem Schritt steigt sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Ähnlich funktioniert es bei uns Erwachsenen: Kleine Erfolge, bewusst wahrgenommen, sind die beste Medizin gegen Ohnmacht. Ganz im Sinne von Erich Kästner, der meinte: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.“ Das gilt nicht nur fürs Handeln, sondern auch für die Zuversicht. (…) Mehr
