Moment by Moment

Das richtige Nein und das falsche Ja

Von Geburt an ist der Kontakt zu anderen Menschen unerlässlich für unser Überleben und unsere Entwicklung. Auch im Erwachsenenalter bleibt Verbundenheit ein Grundbedürfnis, das wesentlich zu Zufriedenheit, Glück und Gesundheit beiträgt. Genauso wichtig ist es, zu lernen, sich selbst abzugrenzen, um sich als Selbst erfahren zu können und allen den nötigen Freiraum zu gewähren, ob in der Partnerschaft, in der Familie oder bei der Arbeit.

Text: Pauline Prasser | NeonShot/ Shutterstock

Von klein auf lernen wir durch Vorbilder und Erfahrungen, was es heißt, in Beziehung zu leben, und was uns von anderen abgrenzt, das heißt, wer wir sind und wie wir uns selbst als Individuum wahrnehmen. Wir beobachten Bezugspersonen in Familie, Kindergarten, Freundeskreis und Schule und übernehmen ihre Verhaltensmuster. Das, was wir aus diesem Umfeld mitnehmen, betrachten wir als „normal“. Sind wir in einem Kreis aufgewachsen, in dem gesunde Beziehungsmuster vorgelebt wurden, entwickeln wir ein ebenso gesundes Gefühl dafür, was uns verbindet und was uns trennt. Wurden uns jedoch Grenzüberschreitungen vorgelebt, halten wir diese für normal. Wird uns vermittelt, dass unser Verhalten „falsch“ ist, oder werden unsere Gefühle ignoriert oder verurteilt, entwickeln wir verdeckte oder unbewusste Selbstzweifel und Schamgefühle. Das kann so weit gehen, dass wir kaum in der Lage sind, unsere eigenen Bedürfnisse auszudrücken, geschweige denn für sie einzustehen.

Die Angst vor Zurückweisung oder Bestrafung macht es uns schwer, Grenzen zu setzen. Sind wir in unserer Jugend häufig Liebesentzug oder Ausgrenzung ausgesetzt gewesen, neigen wir dazu, unser Verhalten so anpassen, dass wir dies nicht noch einmal erleben. Schließlich wollen wir dazugehören. Mit einem falschen Ja laufen wir so der Hoffnung hinterher, anerkannt und geliebt zu werden. Dadurch verleugnen wir jedoch uns selbst und unsere Bedürfnisse und sind im Innersten zutiefst verunsichert.

Wenn der Körper Nein sagt

Die Unfähigkeit, Nein zu sagen, kann sowohl im Berufsalltag als auch im Privatleben schnell zu Überforderung führen. „Nein, ich übernehme diese Aufgabe nicht“ oder „Tut mir leid, ich habe gerade keine Zeit dafür. Frag bitte jemand anders“ – erst solche klar kommunizierten Abgrenzungen ermöglichen es uns, unseren Raum zu definieren. Oft möchten Betroffene aber freundlich sein und geben damit ihrem Gegenüber die Möglichkeit, sie doch noch umzustimmen. Sagen sie immer wieder Ja, obwohl sie Nein meinen, wird ihr Körper irgendwann die Notbremse ziehen. Wir fühlen uns ausgebrannt, sind unzufrieden oder schlafen schlecht.

Doch es sind nicht nur die äußeren Anforderungen, auch die eigenen Ansprüche können zu Überlastung führen. Vergleichen wir uns beispielsweise oft mit anderen oder möchten wir stets alles richtig machen, tendieren wir dazu, uns mehr Leistung abzuverlangen, als gut für uns ist. Um anerkannt zu werden, überschreiten wir unsere Grenzen. Wir sollten unserem Körper mehr Aufmerksamkeit schenken und bewusst auf seine Warnsignale hören, denn wenn wir die eigenen Limitierungen nicht spüren, verlieren wir zunehmend das Gefühl nicht nur für unsere psychischen, sondern auch für unsere physischen Bedürfnisse und Grenzen.

Um dem bewusst entgegenzusteuern, ist es hilfreich, die eigene Gefühlswelt besser kennenzulernen. In der Meditation und in der Achtsamkeitspraxis lernen wir, unseren Körper wahrzunehmen und in ihn hineinzuspüren. Er reagiert oft schneller und eindeutiger als unser Verstand. Fühlen wir z.B. eine erhöhte Pulsfrequenz oder eine Enge in unserer Brust, kann das ein Signal dafür sein, dass unser Körper Nein sagt und wir ein Angebot ablehnen sollten. Breitet sich dann ein Gefühl der Erleichterung in uns aus, wissen wir, dass wir die richtige Entscheidung getroffen und unsere Grenze gewahrt haben. So gelingt es uns, unsere Grenzen zu erkennen und neu auszuloten.

Einschränkende Grenzen

Zu eng gesteckte Grenzen entstehen, wenn unsere Kindheit von Unsicherheit geprägt gewesen ist. Dann versuchen wir im Erwachsenenalter unser Leben zu kontrollieren, was es uns schwer macht, unseren Sicherheitsradius zu erweitern. Wir klammern uns ans Wohlbekannte und fürchten uns, neue, unbekannte Wege einzuschlagen. Haben wir viele negative Urteile über uns aus unserem Umfeld übernommen, verfestigen sich diese meist als begrenzende Glaubenssätze in uns: „Ich darf keine Fehler machen“, „Ich schaffe das ohnehin nicht“ oder „Ich bin zu dumm dazu“. Solche inneren Überzeugungen schränken unseren Handlungsspielraum stark ein (…) Mehr

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