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Arbeit & Sinn

Warum sinnlose Arbeit kaum erfüllend ist, selbst wenn sie gut bezahlt wird, beleuchtet Edgar Geiselhardt und erklärt, warum „Sinn“ eine subjektive Sache ist, die man durchaus hinterfragen darf.

Text: Edgar Geiselhardt | Foto: Nick Fewings

Purpose, Meaning, Sinn – ohne höhere oder tiefere Bedeutung scheint heute im Arbeitsleben nichts mehr zu gehen. Meaning is the new marketing lautet beispielsweise der Titel eines 2021 erschienenen „Impulsgeber(s) für Marken, Organisationen und Menschen, die Sinn in ihrem Schaffen suchen“. Die Sinnfrage scheint zumindest in den westlichen Gesellschaften allgegenwärtig.

Doch was ist sinnvolle Arbeit? Und welche Arbeit macht keinen oder wenig Sinn? Die Aktivitäten des Sisyphos, einer Figur der griechischen Mythologie, stehen sprichwörtlich für sinnlose Tätigkeiten. Sisyphos hat die Götter erzürnt und muss als Strafe einen schweren Felsbrocken einen Berg hinaufwälzen. Kurz vor Erreichen des Gipfels rollt der Fels wieder ins Tal zurück und das Ganze beginnt von vorne. Und das bis in alle Ewigkeit; kein Ende in Sicht, frustrierend und aussichtslos. So ähnlich fühlen sich viele Menschen, die tagtäglich Tätigkeiten ausführen, die eintönig und belastend sind, ohne zu sichtbaren Erfolgen zu führen. Also alles sinnlos?

Der gegenwärtige Augenblick

Überraschenderweise behauptet der französische Autor und Philosoph Albert Camus in dem 1942 erschienenen Essay Der Mythos des Sisyphos: „Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen“. Was soll das denn, möchte man ausrufen. Den ganzen Tag schuften ohne Ergebnis und dabei glücklich sein?

Camus sah angesichts der Unabwendbarkeit des Todes das Leben und die Welt als sinnwidrig an. Die Orientierung an Zielen und Erfolgen ist vor diesem Hintergrund absurd. Glück und Erfüllung sind nur im Akzeptieren des Gegenwärtigen und seiner Widersprüchlichkeit zu finden. Indem sich Sisyphos immer wieder seinem Leben und den damit verknüpften Aufgaben zuwendet, sagt er Ja und macht den Felsen zu „seiner Sache“. Darin liegt für Camus die einzige Möglichkeit, Glück und Sinn zu erleben.

Auch in der Lehre des Buddha gibt es außerhalb des gegenwärtigen Augenblicks keinen höheren oder tieferen Sinn in Arbeit und Leben. Das, was ist, ist. Das, was man tut, tut man, – mit Bewusstheit, Hingabe und Mitgefühl gegenüber allem Lebendigen. Nicht weil es Sinn macht. In vielen spirituellen Schulen sind zweckfreie, „sinnlose“ Tätigkeiten ein wichtiger Bestandteil der spirituellen Übungen. Tätigkeiten, die mit Bewusstheit und Hingabe um ihrer selbst willen ausgeübt werden als Mittel zur Disziplinierung und Fokussierung des Geistes. Nicht mehr und nicht weniger.

Sinn und Ethik

Aber spricht unser Erleben nicht dagegen? Können bestimmte Tätigkeiten nicht sinnvoller sein als andere? Und gibt es da nicht auch eine über die individuelle Bedeutungsebene hinausgehende kollektive Sinnebene? Die Fragen implizieren, dass man Sinn allgemein definieren und dafür entsprechende Kriterien anführen kann. Sinn ist jedoch eine subjektive Konstruktion im Sinne einer Sinnzuschreibung. In dieses subjektive Konstrukt fließen kognitiv-bewertende und emotionale Aspekte mit ein. Es gibt keinen objektiv beschreibbaren und erfassbaren Sinn.

Im Unterschied dazu können Ethik und Moral – abhängig vom jeweiligen kulturellen und historischen Kontext – beschrieben und mit Regelwerken versehen werden. Eine universelle Ethik könnte sich beispielsweise an der Tatsache der wechselseitigen Abhängigkeit allen Lebens orientieren und Rücksichtnahme und Mitgefühl zur Leitlinie menschlichen Handelns erklären. Tätigkeiten, die sich an dieser Leitlinie orientieren, wären im ethischen Sinne wertvoller als Tätigkeiten, die ihr widersprechen (…) Mehr

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