Moment by Moment

Eine Collage aus einem alten Urlaubsfoto, einem "Love"-Schriftzug und einem Foto der Beatles

Die Kraft der Nostalgie

Ob Vintage oder Retrowelle – Bilder, Gerüche, Lieder oder Gegenstände aus der Vergangenheit verursachen in uns ein Gefühl der Geborgenheit, dem wir uns kaum entziehen können: Nostalgie. In diesem Beitrag beleuchtet Christa Spannbauer anhand wissenschaftlicher Studien, wie uns positive Erinnerungen zuversichtlich in die Zukunft blicken lassen.

Text: Christa Spannbauer | Collage: Kurt Liebig

Das wohlig-wehmütige Gefühl der Nostalgie – wer kennt es nicht? Die gegenwärtige Retrowelle spült die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten in alle Bereiche unseres Lebens. Die geblümten Tassen vom Flohmarkt erinnern an unsere Großeltern, wir geraten in kulinarische Verzückung, wenn wir das Leibgericht aus Kindheitstagen nachkochen, holen uns in engen Schlaghosen die Coolness der Jugendjahre zurück und tanzen auf Partys zu den Songs unserer wilden Jahre. „Nostalgie ist ein Gefühl, das buchstäblich riecht, schmeckt und klingt“, so der Wissenschaftsjournalist Daniel Rettig. Er kommt sogar zu dem Schluss: „Nostalgie bestimmt unser ganzes Leben.“ Doch was genau meinen wir, wenn wir von Nostalgie sprechen? Und welche Auswirkungen hat dieses Gefühl auf unser Leben?

Krankheit oder positive Emotion?

Erstmals tauchte der Begriff „Nostalgie“ als Wortneuschöpfung im 17. Jahrhundert auf. Der Mediziner Johannes Hofer benannte damit ein Symptom, das er bei Schweizer Söldnern vorfand. Fernab der Heimat wurden einige von ihnen von so starkem Heimweh geplagt, dass sie nicht nur seelisch litten, sondern auch körperlich erkrankten. Diese Krankheit nannte er Nostalgie, zusammengesetzt aus den altgriechischen Wörtern „nostos“ (Heimkehr) und „algos“ (Schmerz). Die Nostalgie als ein schmerzhaftes Verlangen nach Heimkehr war geboren.

Unter dem Einfluss der Freud’schen Psychoanalyse geriet die Nostalgie im frühen 20. Jahrhundert in die Nähe der Melancholie und Depression, die vor allem Menschen erfasste, die sich den Anforderungen der Gegenwart nicht gewachsen fühlten. Erst in den vergangenen Jahrzehnten kam es zu einer Neubestimmung des Begriffes, der damit seinen psychopathologischen Charakter verlor. So würdigte der Soziologe Fred Davis in den 1970er-Jahren in seinem Buch Yearning for Yesterday – A Sociology of Nostalgia als einer der ersten Wissenschaftler die positiven Seiten der Nostalgie. Zahlreiche psychologische Studien bestätigen mittlerweile seine These, dass die nostalgische Rückschau positive Empfindungen auslösen und dadurch Geborgenheit, Schutz und Trost vermitteln kann. Die Forschungen der Psychologin Yinyue Zhou brachten zutage, dass die nostalgische Erinnerung an Zeiten der Verbundenheit ein wirksames Heilmittel gegen Einsamkeit und Ängste bietet, und Studien des Psychologen Tim Wildschut belegen, dass die Nostalgie das Selbstwertgefühl von Menschen verbessert und sie den Sinn und die Bedeutung ihres Lebens bewusster erfahren lässt. Ein internationales Forscherteam um den Sozial- und Persönlichkeitspsychologen Constantine Sedikides hat die Nostalgie als eine bittersüße, doch grundlegend positive und soziale Emotion definiert, die ausgelöst wird, wenn wir auf wichtige Erlebnisse mit vertrauten Menschen in unserem Leben zurückblicken.

Das Gestern im Heute

Auffällig ist, dass wir gerade in Krisenzeiten eine starke Affinität zur Nostalgie entwickeln. Wenn die Gegenwart als unsicher und bedrohlich erlebt wird, nutzen wir nostalgische Gefühle als eine Art Zeitmaschine, mit der wir uns in glücklichere Zeiten zurückbeamen. Unseren Sinnen kommt dabei eine Schlüsselposition zu, denn gerade Gerüche, Geschmäcke und Geräusche, die mit Erinnerungen aus jenen Zeiten verknüpft sind, katapultieren uns verlässlich zurück in die Vergangenheit. Nie zuvor wurden so viele Retrohits gestreamt wie in den zurückliegenden Jahren der Pandemie. Und nicht von ungefähr gilt Yesterday, der wehmütigste Song der Beatles, als das meistgespielte Lied der Musikgeschichte.

Wenn das Schlupfloch in die Vergangenheit nicht als dauerhafte Flucht aus der Wirklichkeit benutzt wird, hat es durchaus das Potenzial, die Gegenwart zu bereichern. Denn positive Erinnerungen sind wichtig für das seelische Gleichgewicht. So nutzt die renommierte Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast die Wiederentdeckung freudvoller Erinnerungen ganz bewusst im therapeutischen Heilungsprozess. Und die Resilienzforschung bestätigt: Wer in schweren Zeiten gute Erinnerungen aktivieren kann, bewältigt sie mit mehr Zuversicht. (…) Mehr

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