Prokrastination gilt oft als Schwäche oder schlechte Angewohnheit – doch so einfach ist es nicht. Neue Studien zeigen, dass Aufschieben auch hilfreich sein kann: Es fördert Kreativität, verbessert Entscheidungen und kann sogar die Produktivität steigern. Entscheidend ist nicht, ob wir etwas aufschieben, sondern wie bewusst wir es tun.
Text: Anne Frobeen | Illustration: Rudzhan Nagiev
Prokrastinieren, das Aufschieben von Aufgaben auf später, hat einen schlechten Ruf. Dabei tun wir es fast alle – mal mehr, mal weniger. Acht von zehn Erwachsenen sagen von sich, dass sie mindestens gelegentlich prokrastinieren. Und kaum jemand behauptet, nie Dinge aufzuschieben. Wir sind also in guter Gesellschaft, wenn wir uns ab und zu dafür entscheiden, etwas nicht jetzt, sondern später zu tun. Die meisten Menschen können ihre Aufgaben trotzdem rechtzeitig erledigen, auch wenn sie nicht sofort damit beginnen. Manchmal sind sie sogar kreativer und entspannter, als wenn sie früher angefangen hätten.
Diejenigen, die das nicht schaffen, haben allerdings eine große Last zu tragen. Etwa jeder Fünfte schiebt regelmäßig seine Aufgaben auf – wider besseres Wissen und trotz negativer Konsequenzen. Selbst wenn sie ihre Deadlines am Ende vielleicht halten, zahlen diese Menschen für ihr spätes Anfangen oder Weitermachen einen hohen Preis: den großen Stress, den sie am Ende haben. Dies kann bis zu Schlafstörungen, Gereiztheit, Einsamkeit und gesundheitlichen Problemen wie Angst und Depression führen, wie mehrere Studien zeigen.
Prokrastinieren ist aktives Handeln
Der kanadische Organisationspsychologe Piers Steel, selbst ein bekennender Prokrastinierer und einer der meistzitierten Forscher auf diesem Gebiet, definiert Prokrastination als das willentliche Verschieben einer notwendigen oder wichtigen Aktivität, obwohl man sich dessen bewusst ist, dass die negativen Auswirkungen größer sein werden als die positiven.
Und das bewahrheitet sich auch oft. Wenn ich es bis kurz vor der Deadline aufschiebe, mit dem Lernen zu beginnen oder eine Arbeit zu schreiben, erlebe ich nicht nur reichlich Stress, sondern laufe in Gefahr, dass ich bei der Prüfung durchfalle. Im Beruf führen verpasste Deadlines schnell zu größeren Problemen. Und wenn ich im Team nicht rechtzeitig erledige, was ich versprochen habe, ist mir Kritik und Ärger sicher.
Dabei sind Prokrastinierer nicht etwa faul oder setzen sich geringere Ziele als andere. Sie fangen nur spät an oder unterbrechen für lange Zeit, sodass sie am Ende sehr viel Kraft einsetzen müssen, um das Ziel doch noch zu erreichen. Die Forschungsgruppe um Piers Steel hat zeigen können, dass die Prokrastinierer in ihrer Studie am letzten Tag vor der Deadline bis zu elfmal mehr Aufgaben erledigten als Nichtprokrastinierer an dem Tag, an dem sie durchschnittlich am aktivsten waren.
Aufschieben heißt Entscheiden
Wenn ich etwas aufschiebe, statt zu erledigen, was ich mir vorgenommen habe, entscheide ich mich aktiv dafür, etwas anderes zu tun. Vielleicht gehe ich spazieren, chille auf dem Sofa, treffe Freunde oder räume die Küche auf, statt mich an die Steuererklärung zu setzen oder an einem Projekt zu arbeiten.
Ich entscheide mich für das kurzfristig Angenehmere, statt die Anstrengung auf mich zu nehmen, an meinem Projekt zu arbeiten. Die Psychologin Sahiti Chebolu erforscht am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen die vielfältigen Entscheidungsprozesse, die mit der Prokrastination zusammenhängen. Sie erklärt die zugrunde liegenden Prinzipien: „Generell versuchen wir bei Entscheidungen immer, den Nutzen im Verhältnis zu den eingesetzten Anstrengungen zu optimieren. Wir schätzen ein, wie angenehm und belohnend etwas für uns sein wird. Und wir schätzen auch die Kosten ein – zum Beispiel den Verzicht auf andere Aktivitäten – und die Anstrengung, die wir benötigen, um dorthin zu gelangen.“
Dabei gibt es viel Raum für Fehleinschätzungen: „Zum Beispiel kann man die Zeit, die man benötigt, um eine Aufgabe zu erledigen, falsch beurteilen – etwa wenn man die eigenen Fähigkeiten überschätzt“, so Sahiti Chebolu.
Auch bei unbekannten oder nicht klar umrissenen Aufgaben kann es schwierig sein, die benötigte Zeit korrekt vorauszusagen. Dann bleiben manchmal wichtige Aspekte bei der Planung unberücksichtigt – etwa die Zeit, die nötig ist, unerwartete Probleme mit der Software, der Beschaffung nötigen Materials oder Probleme im Team zu lösen – und Stress ist vorprogrammiert.
Raum für Kreativität schaffen
Strategisch eingesetzt, kann sinnvolles Aufschieben einer Aufgabe aber auch unseren Kopf frei machen für kreative Ideen. Es kann helfen, uns weniger zu verzetteln, nützliche Informationen einzuholen und unsere Leistungsfähigkeit zu erhalten.
Manche Wissenschaftler beschreiben dies als „aktive“ oder „konstruktive“ Prokrastination. Andere sehen das bewusste Aufschieben als strategisches Handeln im Rahmen eines Entscheidungsprozesses, ohne es Prokrastination zu nennen.
Darin sind sich alle einig: Aufschieben allein ist nicht das Problem. Schwierigkeiten entstehen erst dann, wenn die Kosten dafür zu hoch sind. Zum Beispiel, wenn wir wichtige Deadlines verpassen und dadurch Nachteile haben. Oder wenn wir uns selbst in eine Situation bringen, in der wir die Arbeit nur mit extremem Krafteinsatz zu Ende führen können.
Wie also können wir das Aufschieben sinnvoll nutzen? Bewusst eingesetztes Aufschieben von Aufgaben kann uns helfen, Ideen reifen zu lassen. Wir gewinnen mehr Klarheit und neue Erkenntnisse, wenn wir eine Nacht darüber schlafen und Informationen sich plötzlich geordneter zeigen. Wir gewinnen Zeit, Ideen und Informationen zu sammeln, mit anderen ohne Druck über das Thema zu sprechen und unser eigenes Verhältnis zur Aufgabe zu finden. (…) Mehr
