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Jane McGonigal: Unsere Zukunft spielend meistern

Jane McGonigal zählt zu den weltweit führenden Zukunftsforscherinnen und innovativsten Game-Designerinnen ihrer Generation. Als Bestsellerautorin und Research Director am Institute for the Future entwickelt sie seit Jahren interaktive Online-Spiele, mit denen Menschen lernen, sich mögliche Zukünfte vorzustellen und sie zu erleben. Ihr Ansatz ist ebenso einfach wie radikal: Statt die Zukunft mithilfe von Algorithmen vorherzusagen, will sie uns befähigen, ihr furchtlos zu begegnen – indem wir sie gemeinsam durchspielen und aktiv mitgestalten.

Text: Norbert Classen| Foto: Christopher Michel

Noch nie wurde so viel gespielt wie heute. Weltweit verbringen Menschen jede Woche mehr als drei Milliarden Stunden mit Online-Spielen. Für viele ist das Grund zur Sorge: Zeitverschwendung, Realitätsflucht, vielleicht sogar ein Symptom für gesellschaftlichen Rückzug.

Jane McGonigal sieht darin etwas anderes. Für die Zukunftsforscherin und Game-Designerin ist diese gewaltige Zeitinvestition kein Problem, sondern ein ungenutztes Potenzial. „Wenn wir die größten Herausforderungen unserer Zeit lösen wollen, brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Spielzeit“, sagt sie. Ihre Rechnung: Statt drei Milliarden Stunden pro Woche müssten wir auf etwa 21 Milliarden kommen – um globale Herausforderungen wie Hunger, Armut oder Klimawandel zu lösen.

Was zunächst wie eine steile These klingt, ist der Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Denn McGonigal beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage: Warum sind wir in Spielen oft besser als im echten Leben?

McGonigal stellt diese Frage nicht im luftleeren Raum. Als Research Director am Institute for the Future arbeitet sie mit internationalen Organisationen und öffentlichen Institutionen an Zukunftsszenarien – unter anderem im Auftrag der Weltbank und des USVerteidigungsministeriums.

Die beste Version von uns selbst

Die Frage, die McGonigal antreibt, ist: Warum fühlen wir uns in Spielen oft leistungsfähiger und motivierter? Ihre Antwort beginnt mit einer Beobachtung, die viele Gamer intuitiv kennen. In digitalen Spielwelten handeln wir anders. Wir arbeiten zusammen, auch mit Fremden. Wir bleiben an Aufgaben dran, selbst wenn sie schwierig sind. Und wir geben nach einem Scheitern nicht auf, sondern versuchen es erneut. „In Spielen werden viele von uns zur besten Version ihrer selbst“, sagt McGonigal. „Wir fühlen uns nicht machtlos – sondern fähig, etwas zu verändern.“ Wir sind eher bereit zu helfen, uns auf gemeinsame Ziele einzulassen und so lange an einem Problem zu arbeiten, bis wir eine Lösung finden.

Das hat auch mit der Struktur von Spielen zu tun. Sie bieten klare Ziele, unmittelbares Feedback und die Möglichkeit, Fortschritt sichtbar zu machen. Vor allem aber schaffen sie etwas, das im Alltag oft fehlt: das Gefühl, dass unser Handeln tatsächlich etwas bewirkt. Im echten Leben ist das anders. Hier sind Probleme komplexer, Ergebnisse oft unklar, Fortschritte schwer messbar. Rückschläge wirken endgültiger, Hindernisse größer. Statt Motivation entsteht schnell Überforderung, statt Zusammenarbeit Rückzug.

Für McGonigal liegt genau darin der entscheidende Unterschied. Spiele erzeugen einen Raum, in dem Menschen ihr Potenzial entfalten können, weil sie anders aufgebaut sind und immer wieder neu gestartet werden können. Und genau hier setzt ihre Idee an: Was wäre, wenn wir die reale Welt in einen solchen Raum übertragen?

Die Zukunft durchspielen

Statt die Zukunft mithilfe von Daten, Modellen und Algorithmen vorherzusagen, will McGonigal sie erfahrbar machen. Ihr Ansatz: mögliche Krisen nicht nur analysieren, sondern gemeinsam durchspielen – in interaktiven Szenarien, an denen Tausende Menschen teilnehmen.

Eines ihrer ersten großen Experimente war das Online-Spiel World Without Oil. Die Ausgangslage: eine globale Ölkrise – ein Szenario, das angesichts aktueller geopolitischer Spannungen und steigender Energiepreise erstaunlich vertraut wirkt. Im Spiel jedoch war diese Krise bereits Realität: so konkret inszeniert, dass die Teilnehmer ihren Alltag entsprechend anpassen mussten. Wer sich anmeldete, gab seinen Wohnort an und wurde fortan mit aktuellen „Nachrichten“ versorgt: steigende Preise, unterbrochene Lieferketten, Verkehrsprobleme, Engpässe in der Lebensmittelversorgung. Die Aufgabe bestand darin, das eigene Leben so zu organisieren, als wäre diese Krise tatsächlich eingetreten.

Die Spieler dokumentierten ihre Erfahrungen in Blogs, Videos und Fotos: wie sie Wege verkürzten, Fahrgemeinschaften bildeten, auf öffentliche Verkehrsmittel umstiegen oder begannen, Lebensmittel lokal zu organisieren und zu teilen. Was zunächst als Spiel begann, wurde für viele zu einer realen Verhaltensprobe. „Niemand ändert seine Lebensweise, nur weil es richtig wäre“, so McGonigal. „Aber wenn man Menschen in eine Geschichte hineinzieht, die sich wie ein echtes Abenteuer anfühlt, sind sie bereit, sich darauf einzulassen.“

Das Ergebnis überraschte selbst die Entwickler. Viele Teilnehmer behielten Gewohnheiten bei, die sie während des Spiels entwickelt hatten – lange nachdem die Simulation beendet war. Für McGonigal ist das der entscheidende Punkt: Spiele können nicht nur zeigen, wie wir handeln könnten. Sie können unser Verhalten tatsächlich verändern.

Gemeinsam Zukunft entwerfen

Was in World Without Oil im Kleinen begann, hat McGonigal in späteren Projekten weitergedacht – und skaliert. Am Institute for the Future entwickelte sie das Online-Spiel Superstruct, das ein noch größeres Szenario entwarf: Ein Supercomputer kommt zu dem Ergebnis, dass der Menschheit nur noch 23 Jahre bleiben, um globale Krisen abzuwenden.

Die Reaktion darauf folgt keiner klassischen Logik der Zukunftsforschung. Statt auf Statistiken und Expertengremien setzt McGonigal auf etwas anderes: auf möglichst viele Menschen und deren Schwarmintelligenz. Rund 8.000 Teilnehmer aus aller Welt spielten acht Wochen lang gemeinsam dieses Szenario in all seinen Facetten durch – und wurden Teil eines globalen „Dream Teams“.

„Normalerweise retten in solchen Geschichten fünf Menschen die Welt“, so McGonigal. „In unserem Spiel waren es Tausende.“ Die Aufgabe: Lösungen entwickeln – für Energie, Ernährung, Gesundheit, Sicherheit und soziale Stabilität. Die Teilnehmer entwarfen Ideen, diskutierten Strategien, bauten aufeinander auf. Am Ende entstanden Hunderte konkrete Ansätze, die zeigen, wie kollektives Denken unter Druck funktionieren kann.

Für McGonigal liegt genau darin die eigentliche Innovation: „Die interessantesten Antworten auf die Zukunft finden wir nicht in Datenmodellen, sondern im Verhalten von Menschen“, sagt sie. Vor allem dann, wenn sie gemeinsam mit Unsicherheit konfrontiert sind. (…) Mehr

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