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Bettina Plattner und Jan Teunen: Schönheit rettet die Welt

Kann Schönheit die Welt retten? Am Rande des Themenwochenendes „Blühende Schönheit“ in Pontresina im Engadin diskutieren Gastgeberin Bettina Plattner und Transformationsforscher Jan Teunen diese Frage mit Blick auf Unternehmenskultur, Verantwortung und Schönheit – als Gegenentwurf zur Mittelmäßigkeit und Impuls für Gesellschaft und Wirtschaft.

Interview: Stefanie Hammer| Foto: Andrea Klainguti

Bettina, wir befinden uns hier in einer architektonisch eindrucksvollen Umgebung, in sehr ansprechend gestalteten Räumen, eingebettet in die Engadiner Berglandschaft. Was bedeutet Schönheit für dich, im Inneren wie im Äußeren? Und auf welche Weise zieht sie sich durch dein Leben und dein Schaffen?

Bettina: Ich habe mich schon mit 20 entschieden, in die Hotellerie zu gehen. Das hat bereits mit Schönheit zu tun gehabt, was mir aber erst viel später bewusst geworden ist.

In meiner Kindheit waren wir zu Familienanlässen immer in einem großartigen Hotel in Zürich. Und ich habe gedacht: Das ist so schön hier mit diesen roten Läufern und den Schmuckvitrinen. Es hat überall geglitzert. Diese schöne Welt hat dann auch eine Rolle dabei gespielt, dass ich selbst in die Hotellerie gegangen bin. Dabei war mir früh bewusst, dass auch die Umgebung schön sein muss: eine kraftvolle Natur oder eine eindrucksvolle Großstadt.

Hinter dieser Berufswahl stand und steht für mich also die Suche nach Schönheit. Ich lebe heute mit 60 Jahren in dem Gefühl, dass es mir gut gelungen ist, sie zu finden, zu bewahren und weiterzuentwickeln. Man kann Hotellerie auf verschiedene Arten betreiben. Und man kann sie definitiv schön betreiben. Dabei kommt es nicht auf die Größe, die Kategorie und letztlich nicht auf die finanziellen Ressourcen an. Ich habe die Schönheit also in meinem Beruf gefunden und in dieser Landschaft hier. Und im Umgang mit anderen Menschen.

Schon früh fand ich es schrecklich, wenn auf der Schule oder am Arbeitsplatz die Menschen nicht nett zueinander waren, also das Klima und die Unternehmenskultur schlecht waren. Ich habe so etwas stark wahrgenommen, und mir ist bewusst geworden, dass ich über haupt nicht gedeihen kann, wenn die Leute fies zueinander sind, Intrigen schmieden oder keine Lust haben. Dass der Umgang miteinander ein wesentliches Element ist.

Im Hotel habe ich immer einen Fuß in der Welt und einen in der Schönheit. Ich möchte nicht in einem langweiligen Büro mit traurigen Menschen und Möbeln und einem tristen Ausblick verrotten. Das war mir instinktiv klar. Die Hotellerie macht es möglich, sich mit Schönheit zu umgeben und mit inspirierenden Beziehungen und Begegnungen.

Jan: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich bin jetzt 75 und finde, wenn man zurückblickt, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder gelingt die Ego-Integration, weil das meiste, was man sich vorgenommen hat, geglückt ist, und man ist zufrieden, weil man ein sinnvolles Leben hatte und etwas beitragen konnte. Oder die Antwort fällt negativ aus und man wird depressiv.

Es ist so wichtig, dass Menschen wissen: Wenn man tut, was man liebt, schafft man im Grunde genommen ein sehr schönes Leben, nicht nur für sich, sondern auch für andere, weil das abfärbt. Man kann dann irgendwann auch in Frieden gehen. Und die Menschen spüren heute eine große Sehnsucht nach dieser Qualität. Denn der menschliche Geist sucht unbewusst ein Gegengewicht zu den vielen negativen Informationen, die auf ihn einprasseln. Und dieses Gegengewicht ist Schönheit. Deswegen müssen wir sie zelebrieren – im Umgang miteinander, in unserem Umfeld und so weiter.

Jan, der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski sagte schon im 19. Jahrhundert, dass Schönheit die Welt retten wird – und du hast diesen Gedanken aufgegriffen. Wie kann ich mir das konkret vorstellen?

Jan: Wie Dostojewski rede ich nicht von der äußeren Schönheit, sondern von einem integralen Schönheitsbegriff als Ausdruck von Güte und Wahrheit. Wenn Schönheit wirklich da ist, ist sie eine verantwortungsvolle Antwort auf die Krisen der Gegenwart. Und sie wird die Welt schonend in die Zukunft führen. Wie diese dann genau sein wird, kann man nicht vorhersagen.

Schönheit hat etwas mit Emotionen zu tun. Und die waren da, lange bevor es die Sprache gab. Wir haben noch nicht genügend Wörter, um das adäquat zu versprachlichen, nicht nur in unserem Kulturkreis, sondern in jedem. Aber man kann es versuchen. Etwa mit den folgenden drei Wörtern: Schönheit ist Harmonie – Harmonie im Miteinander, Harmonie in den Dingen, Harmonie in den Gebäuden. Harmonie spiegelt sich in dem, was wir als schön wahrnehmen – wenn wir es überhaupt können. Viele Menschen sehen die Schönheit nicht mehr, hören die Botschaft nicht mehr. Im Grunde genommen ist sie eine Spiegelung des Kosmos.

Griechisch Kosmos, Universum auf Latein oder All – das alles bedeutet eine schöne, geordnete, zukunftsreiche Welt. Wenn wir die in unserem Umfeld herbeiführen können, ist Schönheit da. Und dann stimmt sie uns positiv und wir gehen gut gestimmt auf die Welt zu. Der Welt kann nichts Besseres passieren. Leider sind wir zunehmend von Mittelmäßigkeit umgeben. Und Mittelmäßigkeit ist toxisch. Deswegen ist mein Feind nicht jemand, der zum Beispiel mein Auto klaut. Das gönne ich ihm von Herzen. Ich bin auch für Umverteilung. Mein Feind ist die Mittelmäßigkeit. Die versuche ich zu bekämpfen, weil sie nie Schönheit hervorbringt. Es ist das Lauwarme, das nicht zu Ende Gedachte, das nicht zu Ende Gemachte, ohne Herzblut, Kompetenz oder Passion. Und weil das so ist und Menschen in hässlichen Umgebungen, egal ob physisch oder mitmenschlich, leben, werden sie schlecht gelaunt. Der Designer Charles Eames hat den wunderbaren Satz geprägt: „The details are not details, they make the product.“ Hier im Hotel wird sehr viel Wert auf Details gelegt. Und das wird mit sehr viel Liebe kultiviert.

Ohne diese Liebe fürs Detail funktioniert so etwas nicht. Alfred Herrhausen – der ermordete Vorstandssprecher der Deutschen Bank und eines meiner Vorbilder – hat immer gesagt, das meiste Geld und die meiste Zeit gingen verloren, weil die Dinge nicht zu Ende gedacht würden.

Und hier wird zu Ende gedacht. Herrhausen war natürlich ein Geldmensch, aber er wusste, dass Geld kein Mittel ist, was die meisten seiner Bankerfreunde nicht wissen. Für die ist Geld ein Mittel. Für ihn und für mich ist es eine Energie. Deswegen hat er sich auch als einer der Ersten dafür eingesetzt, überschuldeten Staaten Schulden zu erlassen. Das hat etwas mit diesem ganzheitlichen Denken zu tun. (…) Mehr

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