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Kathleen Wermke: Babygesänge

Die Entwicklungspsychologin Kathleen Wermke hat an der Charité Berlin die melodische Struktur früher Babylaute erforscht und ein angeborenes Melodie-Entwicklungs- Programm entdeckt. Warum Neugeborene im Ton ihrer Muttersprache weinen und weshalb Sprache lange vor dem ersten Wort beginnt: in der Beziehung zur Mutter – und im vertrauten Rhythmus ihres Herzschlags.

Text: Kathleen Wermke | Foto: skynesher / iStock

Es ist nahezu unmöglich, sich den anrührenden Lauten von Babys zu entziehen. Kaum ein anderes neugeborenes Wesen erhebt seine Stimme so energisch, kraftvoll und leidenschaftlich wie ein menschliches Baby. Durch eine lange Evolutionsgeschichte in seinen Klangeigenschaften optimiert, ist der Babyschrei ein hochwirksames akustisches Alarmsignal – eine natürliche Sirene, die unmissverständlich nach unserer Aufmerksamkeit verlangt.

Doch Babyschreie sind mehr als das. Sie enthalten melodische Variationen, musikalische Intervalle, Registerwechsel und rhythmische Muster. In ihrer Klanggestalt ähneln sie eher einem Gesang als einem Schrei. Diese frühen Laute markieren den Beginn eines Weges, der zur gesprochenen Sprache führt – und der beginnt nicht mit Wörtern, sondern mit Melodie.

Neugeborene sprechen noch nicht. Aber sie „lautieren“ auf ihre eigene, gesangsähnliche Weise. Lange hat man diese klangliche Vielfalt überhört oder unterschätzt. Dabei versuchen Babys vom ersten Moment an, Kontakt aufzunehmen und ihr Befinden mitzuteilen – mit den begrenzten Mitteln eines unreifen Gehirns und eines winzigen Stimmapparats, aber mit erstaunlicher Ausdruckskraft.

Der vorgeburtliche Konzertsaal

Die Vorliebe für musikalische Klänge zeigt sich erstaunlich früh. Bereits im Mutterleib ist das Ungeborene besonders empfänglich für Melodie und Rhythmus. Ab der 26. Schwangerschaftswoche beginnt der Fötus zu hören, Vibrationen werden sogar noch früher wahrgenommen. Zunächst ist die akustische Welt ein diffuses Klanggewebe, doch nach und nach erkennt das sich entwickelnde Gehirn Regelmäßigkeiten – und speichert sie.

Besonders prägend sind der Rhythmus des mütterlichen Herzschlags und die Stimme der Mutter. Hohe Frequenzen werden durch die Uteruswand gedämpft, sodass vor allem das Auf und Ab der Töne ins Ohr des Fötus gelangt: die Melodie der Sprache. Diese melodischrhythmischen Eigenschaften – die Prosodie – bilden gewissermaßen die spezifische Musik jeder Sprache. Lernt man eine Fremdsprache erst als Erwachsener, bleibt diese erste mütterliche Sprachmelodie häufig als Akzent erkennbar.

Wie bedeutsam diese frühen Hörerfahrungen sind, zeigt sich besonders bei Frühgeborenen. Sie werden in einer Phase geboren, die für die Entwicklung des Gehörs sensibel ist, und verlieren den schützenden vorgeburtlichen Hörraum abrupt. Studien konnten zeigen, dass sich der für die Verarbeitung akustischer Informationen zuständige auditorische Cortex stärker entwickelt, wenn Frühgeborene regelmäßig Aufnahmen der mütterlichen Stimme hören – sprechend, lesend oder singend. Mütterliche Klänge wirken dabei deutlich stärker als die routinemäßigen Geräusche einer Neugeborenenintensivstation.

Schon vor der Geburt entsteht so ein erstes Klangbild der Mutter. Diese frühe Vertrautheit mit ihrer Stimme bildet eine Grundlage für Orientierung und Wohlgefühl nach der Geburt – und für die enge Bindung, die das Überleben und die weitere Entwicklung des Kindes sichert.

Weinen im Ton der Muttersprache

Nach der Geburt wirken die im Mutterleib erworbenen Gedächtnisspuren weiter. Elemente der über Wochen gehörten Sprachmelodie finden sich nun im Weinen der Neugeborenen wieder. Dabei ist es keineswegs überall gleich. Je nach sprachlicher Umgebung unterscheidet es sich in seiner melodischen Struktur, in der Gesamtgestalt der Tonverläufe und im Reichtum an Intervallen. So klingt das Weinen von Babys aus dem japanischen oder chinesischen Sprachraum anders als das ihrer Altersgenossen im deutschsprachigen Umfeld. Die frühe Klangwelt der jeweiligen Umgebung hinterlässt hörbare Spuren – lange bevor ein Kind beginnt, Wörter zu formen.

Mit diesen vertrauten Klangmustern beginnt das Baby, Kontakt aufzunehmen. Das ist nicht nur berührend, sondern verweist auf eine zentrale Funktion dieser frühen Laute: Sie dienen der Beziehung. Es geht um Nähe. Das Baby versucht, verstanden zu werden – nicht im Sinne von Bedeutungen, sondern im Erleben von Resonanz.

Das Melodie-Entwicklungs-Programm

Wie sich diese frühen Klangäußerungen weiterentwickeln, folgt keinem Zufall. Vor vielen Jahren untersuchte meine Forschungsgruppe an der Charité in Berlin die Lautentwicklung von Zwillingen im ersten Lebensjahr. Dabei machten wir eine bemerkenswerte Entdeckung: Bei eineiigen, genetisch identischen Zwillingen zeigten sich charakteristische Veränderungen in der Melodie ihrer Weinlaute nahezu zeitgleich – unabhängig davon, ob sie einander hören konnten oder nicht. Dieses Muster ließ sich sogar bei Frühgeborenen beobachten.

Diese Entdeckung führte zur Beschreibung eines angeborenen Melodie-Entwicklungs-Programms. Es besagt, dass Babys ihre Laute zunächst mit einfachen melodischen Grundformen erzeugen: einem Auf- und Absteigen der Stimme, einem einzelnen Melodiebogen.

Diese elementaren Bausteine werden ständig wiederholt, kombiniert und erweitert. Aus einzelnen Bögen entstehen doppelte; zunehmend komplexe Melodien aus mehrfachen Bögen folgen später. Mit wachsendem Alter nimmt der Anteil komplexerer Melodieverläufe zu. Je vielfältiger das melodische Repertoire eines Babys wird, desto besser scheint es für den späteren Spracherwerb vorbereitet zu sein. Dieses Entwicklungsprogramm zeigt sich bei allen Kindern und wird beim späteren Gurren und Brabbeln erneut durchlaufen – dann meist in beschleunigter Form.

Die melodische Entwicklung beschränkt sich dabei nicht allein auf die Tonhöhe. Auch rhythmische Akzente, Pausen, Lautstärkeveränderungen und feine Modulationen tragen zu einer wachsenden klanglichen Vielfalt bei. Innerhalb weniger Monate entsteht so ein erstaunlich reiches Lautrepertoire. Diese frühe musikalische Diversität ermöglicht dem Baby, die klanglichen und melodischen Eigenheiten seiner Muttersprache durch Imitation zu übernehmen – lange bevor sprachliche Inhalte im engeren Sinn eine Rolle spielen. (…) Mehr

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