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Ursula Maria Lang: Waldtherapie

Neue Studien zeigen: Zeit im Wald senkt Stresshormone, stabilisiert den Blutdruck und stärkt das Immunsystem. Waldtherapie nutzt diese Effekte und verbindet sie gezielt mit Übungen. Warum der Aufenthalt im Grünen messbare Auswirkungen auf Körper und Psyche hat – und was das für Prävention und Gesundheit bedeutet.

Text: Ursula Maria Lang | Foto: sonicbox / iStock

Wer einen Wald betritt, spürt sofort: Die Luft ist klarer, es ist stiller und der eigene Atem geht tiefer. Die Gedanken kommen zur Ruhe, der Körper entspannt sich. Diese wohltuende Wirkung liegt auch daran, dass wir die Schönheit des Waldes mit all unseren Sinnen wahrnehmen. Was viele Menschen intuitiv erleben, wird zunehmend auch wissenschaftlich untersucht: Der Wald ist nicht nur ein Ort der Erholung, er wirkt auch direkt auf unsere Psyche und Gesundheit.

Gerade in einer Zeit zunehmender Belastungen rückt der Wald daher als Gesundheitsquelle neu in den Fokus von Forschung, Prävention und Therapie. Die Waldtherapie verbindet das persönliche Erleben mit der wissenschaftlichen Evidenz und zeigt, wie stark Natur, Wohlbefinden und Gesundheit miteinander verknüpft sind. Aber welche positiven Wirkungen hat ein Aufenthalt im Wald auf Körper und Geist, und lassen sie sich vielleicht noch verstärken?

Was ist Waldtherapie?

Die Waldtherapie ist weit mehr als ein Spaziergang im Grünen. Sie ist eine evidenzbasierte, komplementäre Therapieform aus dem Bereich der sogenannten naturbasierten Gesundheitsinterventionen. Gezielte Aufenthalte im Wald werden mit therapeutischen Übungen kombiniert, um die Gesundheit zu fördern und Symptome körperlicher wie psychischer Erkrankungen zu lindern. Während ein Spaziergang spontan und individuell ist, folgt die Waldtherapie klar strukturierten Konzepten, mit Elementen aus Medizin und Psychologie, die Bewegung, Sinneserleben, Achtsamkeit und nachhaltige Regulation miteinander verbinden.

Der Ursprung der Waldtherapie liegt in Japan. In den 1980er-Jahren entstand dort das Shinrin Yoku, was mit „Waldbaden“ übersetzt wird. Gemeint ist damit keine sportliche Aktivität im Wald wie etwa ein Trimm-dich-Pfad, sondern das bewusste Eintauchen mit allen Sinnen in seine Atmosphäre. Aus dieser Praxis hat sich die Forest Medicine entwickelt, ein medizinisches Forschungsfeld, das die gesundheitlichen Effekte des Waldes systematisch untersucht. Und sie wiederum hat die Waldtherapie hervorgebracht, die seit etwa 20 Jahren international an Universitäten und Instituten erforscht wird und inzwischen zunehmend Eingang in Prävention, Rehabilitation und klinische Versorgung findet.

Übungen der Waldtherapie sind z.B. Slow Walking – auch achtsames Gehen genannt –, Sinnesreisen, Baummeditationen mit Kontakt und Barfußlaufen. Beim Slow Walking geht man jeden Schritt langsam und dadurch bewusst, nimmt die Umgebung wahr und das, was im Körper geschieht. Während einer Sinnesreise konzentriert man sich ganz auf die Wahrnehmung eines Sinns: Was höre, rieche, sehe ich, oder wie fühlt sich an, was meine Hände ertasten? In einer Baummeditation kann man sich an einen Baum lehnen, ihn umarmen, sich vor ihn setzen und seine Präsenz und deren Wirkung auf einen selbst wahrnehmen. Zusätzlich kann man seine Rinde, seine Blätter, Blüten oder Früchte berühren und riechen. Es geht um einen tiefen, wahrnehmenden Kontakt zu diesem Lebewesen. Läuft man barfuß, intensiviert man den Kontakt zum Boden und erdet sich so stärker.

Warum wirkt der Wald heilsam?

Die positiven Effekte des Waldes beruhen auf einem komplexen Zusammenspiel biologischer, physiologischer und psychologischer Wirkmechanismen. Bäume senden biochemische Signale aus. Sie geben flüchtige organische Stoffe, sogenannte Phytonzide, in die Luft ab – den typischen Waldgeruch. Diese ätherischen Öle, darunter vor allem Terpene, werden beim Atmen aufgenommen und entfalten im Körper antibakterielle, entzündungshemmende und immunstimulierende Wirkungen. Studien zeigen, dass sich dadurch die Aktivität der natürlichen Killerzellen erhöht. Ein Effekt, der über Tage anhält.

Waldaufenthalte senken auch das Stresshormon Cortisol, regulieren Puls und Blutdruck und verbessern die Herzratenvariabilität, einen Messwert, der auf die parasympathische Aktivität hinweist. Der Körper schaltet dadurch vom allgemeinen Aktivitätszustand in den Modus der Regeneration und Stressreduktion um – ein zentraler Wirkmechanismus der Waldtherapie.

Psychologische Analysen zeigen, dass die Waldtherapie zudem die Symptome von Depressionen und Angststörungen reduzieren kann. Insgesamt wirken ihre Übungen positiv auf die Stimmung und fördern die Achtsamkeit sowie positive Wahrnehmungen. Außerdem wirken Naturerfahrungen emotional stabilisierend.

Auch die Konzentrationsfähigkeit kann durch Aufenthalte im Wald verbessert und die kognitive Erschöpfung reduziert werden. Die Ruhe der Natur mindert die sensorische Überforderung, wie sie im städtischen Alltag häufig ist, und entlastet so unser Gehirn. Hierdurch kann u.a. auch die Schlafqualität verbessert und Schlafstörungen entgegengewirkt werden.

Sogar bei Zivilisationserkrankungen zeigen sich positive Effekte durch die Waldtherapie, z.B. bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegserkrankungen und chronischen Schmerzen. Hier ist die wissenschaftliche Forschnung noch am Anfang, die Effekte naturbasierter Interventionen sind jedoch signifikant.

Zudem filtern Wälder Luftschadstoffe und Lärm, schaffen angenehme Mikroklimata und fördern die Bewegung. Sie haben also auch ökologische und soziale Effekte. Auch das sind wichtige Gesundheitsfaktoren. (…) Mehr

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