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Moment by Moment

Christiane Wolf: Im Auge des Betrachters

Wie wir wieder staunen lernen und die Wunder des Lebens bewusst wahrnehmen: Christiane Wolf nimmt uns mit auf ihre persönliche Reise zu mehr Achtsamkeit und Sinnlichkeit im Alltag. Eine Einladung, langsamer zu werden, die Sinne zu öffnen und Schönheit neu zu entdecken.

Text: Christiane Wolf | Foto: Roman Samborskyi / Shutterstock

Was ist Schönheit? Die Geo- Zeitschriften meiner Kindheit zeigten mir Bilder ferner Länder und Kulturen, Menschen mit stolzen Gesichtern und elaborierten Tattoos, Ziernarben oder großen, runden Holzscheiben in der Unterlippe. Ich war fasziniert. Was mir exotisch und befremdlich erschien, galt in diesen Kulturen als schön und bedeutete eine wichtige gesellschaftliche Stellung. Schönheit liegt im Auge des Betrachters und ist damit unangreifbar. Aber dieser Betrachter entstammt einer Zeit und Kultur und hat ein bestimmtes Alter. Ich sah es bei meinen Eltern und sehe es nun bei meinen Kinder: „Das findest du schön?“, frage ich ungläubig.

Der Wissenschaftsjournalist Gabor Paal sagt es in seinem TED-Talk über die vier Arten der Schönheit ganz knapp: „Schön ist, was uns gefällt.“ Schönheit hat oft wenig damit zu tun, wie die Dinge tatsächlich beschaffen sind, und mehr damit, was wir mit ihnen verbinden. Paal nennt erstens die Schönheit, die wir durch eine gewisse Ordnung und Symmetrie empfinden, zum Beispiel in Gesichtern. Zweitens jene in Dingen oder Menschen, mit denen wir uns verbunden fühlen und identifizieren. Die dritte Art hat mit Inspiration zu tun, mit Tätigkeiten, die wir gern tun und die uns Sinn schenken. Kreativität und der Flow-Zustand sind mit ihr verbunden. Und schließlich empfinden wir Schönheit – und oft auch Ergriffenheit – durch uralte Reize wie das Rauschen des Meeres oder den Anblick einer spektakulären Landschaft wie des Grand Canyons. Schönheit ist bis zu einem gewissen Maß mit der Evolutionstheorie vereinbar – das prachtvolle Gefieder vieler männlicher Vögel, die Blütenpracht der Blumen, die erhoffte Gesundheit und Fruchtbarkeit des erwählten Partners oder der Partnerin – und dann auch wieder eigenwillig und unerklärbar. Und: Schönheit macht etwas mit uns.

Die suggestive Kraft der Schönheit

Schöne Menschen scheinen es im Leben leichter zu haben. Ihnen wird eher vertraut, man möchte mit ihnen befreundet sein, man hält sie für moralisch besser, sie erhalten bessere Noten und gnädigere Bestrafungen – alles nur wegen ihrer äußeren Erscheinung. Dass schön zu sein nicht nur Vorteile hat, verriet mir eine ehemalige Schülerin, die lange Zeit als Model sehr erfolgreich war. Sie sei sich nie sicher gewesen, warum andere Menschen mit ihr befreundet sein wollten, und sorgte sich, dass sie oft als schöne Verzierung benutzt wurde und die andere Person gar nicht wissen wollte, wer sie war. Mir fiel auf, wie gern ich sie anschaute, während sie in einem meiner Kurse war – lieber als irgendeinen anderen Teilnehmer –, und merkte, dass es auch anderen so ging. Ich musste meine Achtsamkeitspraxis anwenden, um diesem leichten inneren Drang nicht zu ständig zu folgen. Sie erzählte mir auch, man hätte eine Studie gemacht, um die Hypothese zu testen, dass Babys von Geburt an in Gesichtern Symmetrie bevorzugen. Ihr Gesicht wäre dabei als Testbild benutzt worden. Und eine ganze Reihe der getesteten Babys hätten ihr Gesicht das der Mutter vorgezogen!

Schönheit ist ein Grundbedürfnis, und wenn wir zu wenig Schönes erleben, leiden wir. Je gestresster wir sind, umso weniger können wir uns an Schönheit erfreuen. Dann fühlt es sich an, als wäre sie ein überflüssiger Luxus, den wir uns nicht erlauben können. Aber wie viel Zeit gönnen wir im Laufe des Tages tatsächlich der Wahrnehmung von Schönheit, wenn es uns gut geht? Wenn wir die Mittel haben, uns schöne Dinge zu gönnen, nehmen wir uns dann auch die Zeit, sie zu genießen?

Ich wohne in Los Angeles und bin hier schon in vielen wunderschönen Häusern mit wunderschöner Einrichtung und einem prachtvollen Garten gewesen, deren Besitzer schlicht keine Zeit hatten, das auch nur annähernd wahrzunehmen. Oder wie schnell setzt der Autopilot ein, und ich finde das, was mich gestern noch erfreut hat, langweilig? Die Schriftstellerin Iris Murdoch schreibt: „Menschen von einem Planeten ohne Blumen müssten denken, wir wären die ganze Zeit vor Freude verrückt, solche Dinge um uns zu haben.“ Wenn ich auf einem Schweigeretreat bin und mein Geist im Laufe der Tage immer stiller und weiter wird, bemerke ich, wie sich meine Sinne klären und schärfen. Sehen, hören, schmecken, fühlen – all das wird so viel intensiver, so viel schöner. Dinge, denen ich sonst wenig oder keine Beachtung schenken würde, lassen mich auf einmal innehalten und berühren mich tief: ein Stein – eine Blüte – ein Baum. Mary Oliver schreibt in ihrem Gedicht „Der Sommertag“: „Ich weiß, wie man aufmerksam ist, wie man ins Gras fällt, wie man sich ins Gras kniet.“ Das Gewöhnliche wird außergewöhnlich. Um diese Erfahrung zu machen, muss man nicht auf ein Retreat gehen, bereits nach einigen Stunden Meditation kann sich diese Sensibilisierung der Sinne einstellen.

Entschleunigung, um mehr Schönheit wahrzunehmen

Schönheit braucht keine Eile, sondern Verweilen. Sind wir gestresst und sputen uns, tragen wir Scheuklappen auf allen Sinnen und können Schönes nicht wahrnehmen. Logisch, denn wir meinen, wir müssten uns jetzt ganz auf die zu erledigende Aufgabe konzentrieren. All das dabei übersehene Schöne könnte ein weiterer Grund dafür sein, dass wir uns eine regelmäßige Entschleunigungspraxis zulegen. Ich bin stolz darauf, wie effizient ich in vielen Bereichen bin. Ich kann Dinge schnell erledigen. Aber irgendwann merkte ich, dass sich diese Effizienz auch in Bereiche einschlich, wo sie fehl am Platz war. Zum Beispiel, wenn ich mit meinen Kindern spielte oder wenn ich meditierte. Mal eben schnell zu meditieren, klappt nicht so wirklich. Wenn ich im Effizienzmodus bin, führt das üblicherweise zu einer gewissen Anspannung und Ungeduld im Körper. Um dem entgegenzuwirken, nehme ich mir seitdem bewusst einen Moment Zeit, bevor ich mit einer Tätigkeit beginne.

Und siehe da, viele Tätigkeiten erledige ich dadurch gar nicht langsamer, wie ich befürchtet hatte, aber mit deutlich weniger Stress. Ich tue ja sowieso nur das, was ich gerade tue – mit oder ohne Stress. Und wenn ich einen Gang herunterschalte, fahren auch meine Scheuklappen ein, und ich nehme mehr wahr. Ich kann zum Beispiel beim Geschirrspülen das warme Wasser auf meiner Haut spüren oder den zarten Lavendelduft des Spülmittels riechen. Beides ist angenehm, und den Duft von Lavendel finde ich schön.

Schönheit als Lebensweg

Die Navajo, ein Stamm im Südwesten der USA, leben nach dem Grundsatz „Walk in Beauty“ – geh deinen Lebensweg in Schönheit. Er leitet sich vom Konzept des Hózhó ab: ein Leben in innerer und äußerer Balance, Harmonie und Verbundenheit mit allem – der Natur, den Menschen und der übernatürlichen Welt. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz, der Anmut, Dankbarkeit, Achtung und Friedfertigkeit verbindet. Ihm zu folgen, bedarf der bewussten und entschiedenen Ausrichtung. Wenn wir sagen, wahre Schönheit komme von innen, meinen wir genau das: Die betreffende Person ist mit sich selbst und ihrer Umgebung in Einklang, strahlt das auch aus und inspiriert uns mit ihrer Art, in der Welt zu sein. (…) Mehr

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