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Moment by Moment

Im Gespräch mit Christian Klucker

Was Singen mit uns macht: Christian Klucker, Gründer und Chorleiter des international prämierten Jugendchors incantanti aus Graubünden, Schweiz, verbindet Tradition mit überraschenden Interpretationen. Der Chor trat unter anderem in der Carnegie Hall in New York auf. Im Gespräch berichtet Klucker, wie er jungen Stimmen Orientierung, Ausdruck und Mut schenkt – und warum Gemeinschaft erst im Einklang ihre Kraft entfaltet.

Interview: Stefanie Hammer | Foto: incantanti

Lieber Christian, was hat dich zum Singen gebracht?

Vermutlich war das schon immer da. Ich habe immer sehr gern gesungen und auch vorgesungen. Singen begleitete mich auch durch mein Klarinettenstudium. Es hat bei mir allerdings sehr viel mehr bewirkt als das Klarinettespielen, seelisch und körperlich. Es wirkt direkter und tiefer, weil der Körper das Instrument ist.

Du bist im Jahr 2024 als bester Chorleiter ausgezeichnet worden. Wie gelingt es euch, Menschen mit eurem Gesang zu verzaubern?

Ich erarbeite mit den Jugendlichen die Musikstücke so in der Tiefe, dass sie sie beim Auftritt verinnerlich haben und völlig stressfrei, leidenschaftlich und hingebungsvoll in das gemeinsame Singen eintauchen können. Das überträgt sich auch aufs Publikum. Außerdem sind sie echte Rampensäue, die das Publikum brauchen und dessen Reaktion genießen. Das erzeugt eine Aufwärtsspirale. Sie haben die Musik zum Zeitpunkt des Auftritts so stark verinnerlicht, dass das Singen für sie einfach eine Freude ist – was sich dann wiederum aufs Publikum überträgt.

Jugendliche Stimmen sind weniger tragend als die von Erwachsenen, besitzen aber viel mehr Glanz und sind unverbraucht – entsprechend berühren sie die Herzen der Zuhörer direkter. Ihr Gesang ist obertonreicher, was diesen besonderen Glanz erzeugt.

Dazu eine Erläuterung aus der Forschung: Messungen haben ergeben, dass der Atem absolut synchron sein muss, wenn Menschen miteinander singen. Nur so können sie gemeinsam phrasieren. In der Regel haben sie einen Bruchteil einer Sekunde Zeit, um zu atmen.

Vor vier Jahren hat man hier in der Schweiz einen Wissenschaftschor gegründet und die Singenden immer wieder gemessen. Dabei wurde festgestellt, dass sich beim gemeinsamen Singen nicht nur der Atem synchronisiert, sondern auch der Puls. Und ich behaupte – ohne es beweisen zu können –, dass sich in dem Moment, in dem in einem Konzert der Funke überspringt, auch der Pulsschlag des Publikums angleicht. Die Zuhörer werden Teil dieser Gemeinschaft. Wahrscheinlich ist es das, was die Leute so berührt: Musik als buchstäblicher Herzensöffner.

Wie hängen Gesang und Schönheit für dich zusammen?

Ich beginne mal beim Stimmlichen: Man spricht im Gesang oft von Stimmbildung, aber ich gehe davon aus, dass die Stimme bei jedem Menschen schon gebildet ist. Eine Stimme muss nicht gebildet, sondern lediglich von schlechten Gewohnheiten befreit werden, von schlechter Atemtechnik und vor allem von einer schlechten Körperhaltung. Das Ziel ist, eine Haltung einzunehmen, bei der der Kehlkopf optimal schwingen kann und sich die Schwingungen, die hier von den Stimmbändern produziert werden, auch optimal im Körper ausbreiten. Man spricht dann von Resonanz, von Klingen. Anders ausgedrückt: Der Klang sucht sich seinen Weg in die Resonanzräume, wenn wir es zulassen.

Von hier aus können wir die Brücke zur Schönheit schlagen. Denn um den Klang, die Klangsinnlichkeit geht es schließlich. Dazu ein Beispiel: Wenn wir zum Beispiel klassische Musik auf gefrierendes Wasser einwirken lassen, sehen wir, was für vollendete Moleküle sich bilden. Lasse ich Heavy Metal auf solches Wasser los, sind es ganz andere Formen. Ich hoffe, dass sich die Leute durch solche visuellen Wirkungen bewusster werden, was sie sich akustisch zuführen. Ich bin überzeugt davon, dass ich andere Gedanken habe, je nachdem, welche Musik ich höre. Und ich mich anders fühle.

Meine Idealvorstellung ist, dass es mir gelingt, die Sängerinnen und Sänger von der Körperhaltung her und musikalisch so vorzubereiten, dass sie das Stück wirklich im Griff haben – also nicht, dass die Musik sie bestimmt, sondern, dass sie so frei sind, um in sie einzuschwingen. Wenn die Musik dann zu klingen beginnt, hören sie das Ganze bereits voraus und sind energetisch vorbereitet. Dann entsteht Schönheit. Sie entsteht aus sich heraus. Ich glaube, wenn wir ihr den Raum geben, dann passiert sie.

Natürlich muss ich dafür den Nährboden bereiten, und das heißt für mich, dass ich beim Einstudieren eines Liedes mit der Infor mation darüber beginne und seine Botschaft suche. Wir machen zuerst eine Gedankenreise, was wir mit dem Lied ausdrücken möchten. Wenn ein Lied oder sogar ein einzelner Ton keine Botschaft hat, ist das Ergebnis, gelinde gesagt, keine Musik, sondern akustische Umweltverschmutzung.

Diese Freiheit habe ich nicht überall. Bei Bachs Johannespassion funktioniert das nicht in gleichem Maße. Da sind viele Parameter vom Komponisten von vornherein festgelegt. Und in der Regel bleiben sie so, weil ich ja ein Orchester dabeihabe. Aber bei vielen anderen Musikstücken kann ich Dynamik und Tempo variieren – abhängig vom Ort, von der Zeit und vom Publikum. Je nachdem, ob der Raum viel oder wenig Nachhall hat, wähle ich ein schnelleres oder langsameres Tempo, damit der Text verständlich bleibt. Ist der Chor topfit, kann ich etwas getragenere Tempi wählen. Wenn ich am Sonntagmorgen in einer Matinee singe und wir am Abend zuvor ein Konzert hatten und danach noch bis ein Uhr gefeiert haben, müssen sie schneller sein, weil die Spannkraft etwas fehlt und wir die Musik nicht ganz so ausgefeilt gestalten können. Das heißt, es sind viele Faktoren, die schließlich dazu führen, dass wir eine Musik so aufführen, wie sie nur an diesem Ort, zu dieser Zeit und mit diesen Menschen erklingen kann. Schon am Nachmittag klingt sie mit den gleichen Leuten anders. Das hat viel mit Zulassen zu tun, auch mit Vertrauen und Voraushören.

Mir war gar nicht klar, wie viele Komponenten dabei eine Rolle spielen …

Beim letzten Konzert haben wir zum Beispiel in zwölf verschiedenen Sprachen gesungen, von Philippinisch über Finnisch bis Afrikaans. Mein Ziel war, dass die Zuhörer verstehen, was wir singen, auch wenn sie die Sprachen nicht verstehen, und zwar möglichst bei jedem einzelnen Wort. Da habe ich schon einige wunderschöne Rückmeldungen bekommen. Eine davon bezog sich auf das Schweizer Volkslied „Lueget vo Berg und Tal“, also: „Schaut vom Berg ins Tal“. Wir haben es in Belgien in einem Altersheim gesungen. Eine Kommentatorin war vor Ort, die schlecht Englisch sprach, kein Deutsch und sicher keine Schweizer Mundart. Nach dem Konzert sagte sie, sie habe keine Ahnung, was wir gesungen hätten, aber sie denke, bei uns müsse es hohe Berge und tiefe Täler geben. Sie hat also fast wörtlich den Liedtitel wiederholt!

Einer meiner Leitsätze ist: Es gibt keine schlechten Chöre, nur schlechte Chorleiter. Das heißt: Ich bin für alles verantwortlich, auch für jeden Fehler. Wenn etwas „passiert“, habe ich es nicht optimal vorbereitet. Diese Verantwortung zeigt sich für mich nicht nur in der musikalischen Arbeit, sondern auch in der Art, wie wir den Raum nutzen. Wir beziehen ihn und oft auch das Publikum in die Aufstellung mit ein. Das heißt, wir singen oft ums Publikum herum, in einer Reihe oder auf der ganzen Bühne oder im ganzen Raum verteilt.

Manchmal stellen sich die Sängerinnen und Sänger sogar ins Publikum und singen von dort aus, sodass du als Zuhörerin eine Sängerin direkt neben dir hast. Ich versuche, das Ungewohnte aus dem Chor herauszukitzeln. Aber es soll nie wie eine Dressur wirken: „Schaut mal, was meine Rösschen können!“ Es soll immer musikalisch Sinn machen. (…) Mehr

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