Die ikonischen Bollenhut-Bilder von Sebastian Wehrle sind international bekannt und begehrt. In seinem Atelier im Schwarzwald sprechen wir mit dem Fotografen über lebende Bienenkleider, mit Blumen geschmückte Kühe und Ziegen – und wie es ihm gelingt, seine tierischen und menschlichen Models in Szene zu setzen.
Interview: Stefanie Hammer | Fotos: Sebastian Wehrle
Ihr Erstberuf ist Kachelofenbaumeister. Wann ist Ihnen klargeworden: Fotografie ist nicht mehr nur eine Leidenschaft, sondern mein Beruf – oder vielleicht sogar meine Berufung?
Das war 2010 in Thailand. Dort bin ich einer Frau begegnet, die bei der Telefonseelsorge arbeitete. Wir plauderten am Strand und ich sagte ihr: „Eigentlich würde ich mich gern ganz selbstständig machen – als Fotograf.“ Und sie: „Ja, warum nicht?“
Dieses „Warum nicht?“ hat bei mir einen Schalter umgelegt. Die Reise habe ich dann genutzt, um mich mehr mit mir selbst auseinanderzusetzen. Das Meer, die Ruhe – und die Frage: Was habe ich in mir? Die Liebe zur Fotografie war ja die ganze Zeit da – aber nicht das Selbstvertrauen zu sagen: „Okay, ich mache das, was mir am meisten Freude bereitet, zum Mittelpunkt meines Lebens.“
Woher stammen die traditionellen Trachten und Kopfbedeckungen auf Ihren Bildern? Wurden die nach Vorlagen neu genäht oder handelt es sich um Originale?
Es handelt sich immer um Originale, oft aus privatem Besitz. Auch wenn die Trachten in Vereinen genutzt werden, gehören sie eigentlich immer Privatpersonen. Teilweise sind die Stücke über 100 Jahre alt, zum Beispiel eine Brautkronentracht aus Sankt Georgen.
Was war der Ausgangspunkt für diese Arbeit mit Trachten?
Die Freiamter Tracht war die erste, die ich fotografiert habe. Das war 2014. Die Tracht hat diesen riesigen Schleifenhut mit herabhängenden Bändern. Sie hat mich an eine Alexander-McQueen-Modeschau erinnert, und das hat mich inspiriert. Ich habe damals mit der Visagistin Ramona Strudel zusammengearbeitet, ihr Make-up-Beispiele geschickt – kein klassisches, sondern ein sehr verrücktes, zur Tracht passendes.
Mein Gedanke war nie, die Tradition durch die Moderne zu brechen, sondern beide miteinander zu verbinden. Ich wollte die Tracht noch stärker mit dem Menschen verknüpfen. Wenn jemand florale Tattoos trägt und in einer Tracht mit floralen Mustern steckt, ist das für mich eine Symbiose. Ich liebe es, wenn das Model mit der Tracht verschmilzt.
Das Shooting für Fräulein Jaune aus der Serie Fräulein Fleur war sicher etwas Besonderes – eine beeindruckende Imkerin, die ein Kleid aus lebenden Bienen und einen Hut aus Löwenzahn trägt. Können Sie uns dazu mehr erzählen?
Das Projekt Fräulein Fleur besteht ja hauptsächlich aus echten Blumen. Die Grundidee kommt daher, dass es in den Trachten immer florale Elemente gibt – und ich wollte diesen Moment mithilfe der Fotografie dauerhaft festhalten.
Nina, die Imkerin, hat mich auf einer Ausstellung besucht und gefragt, ob sie mal bei einem Projekt mitmachen dürfte. Sie erzählte mir von ihrer Imkerei – und ich sagte sofort: Du würdest bestimmt ein Bienenkleid tragen. Und so war es dann auch.
Die Bilder des Projekts Fräulein Fleur drehen sich immer um eine andere Farbe. Mittlerweile habe ich Bilder in Schwarz, Rot und Gold. Als Nächstes kommt Blau, Weiß ist auch geplant. Das Projekt läuft schon seit fünf Jahren. Pro Jahr mache ich etwa ein Bild. Das zeigt, wie viel Aufwand dahintersteckt. Und parallel laufen ja noch andere Projekte: die Kühe, die Ziegen, der alte Bauernhof, den ich gekauft habe und den ich renoviere.
Und wie haben Sie das technisch umgesetzt – wie funktioniert ein Kleid aus Bienen?
Das hat nur durch das gute Netzwerk von Nina funktioniert. Sie kannte einen Imker mit einem besonders ruhigen Volk. Wir sind zu ihr nach Hause, draußen an ein schattiges Eck. Das Wetter passte, wir hatten noch gerade genug frischen Löwenzahn. Die Bienenkönigin wurde Nina auf die Brust gesetzt – das war der Trick. Dann schöpft man die Bienen auf ein Brett und streicht sie mit bloßen Händen auf die Haut.
Bei der Arbeit mit Bienen muss man ein enges Zeitfenster einkalkulieren. Denn je wärmer es wird, desto unruhiger werden sie. Sie fangen an, sich zu kühlen, indem sie sich mit ihren Flügeln Luft zufächeln. Die Nervosität der Bienen übertrug sich natürlich auch auf Nina, und deshalb musste dann alles schnell gehen. Ihr Ausdruck musste entspannt sein, das Licht stimmen – alles gleichzeitig. Das war eine echte Herausforderung, auch für mich.
Ich habe da echt das Glück herausgefordert. Morgens um acht wusste ich nicht, ob der Löwenzahn lange genug frisch bleibt – denn der klappt ja nach dem Schnitt meist sehr schnell zusammen. Und ich wusste nicht, wie Löwenzahn sich verhält – wie viel Wasser er braucht, wie schnell er welkt. Aber mein „Blumenmädchen“ hatte das total im Gefühl.
Ich habe viel über Blumen gelernt in der Zeit. Der Löwenzahn ist eine sehr besondere, unterschätzte Pflanze. Und er blüht nur kurz. Deshalb ist jedes Fräulein Fleur-Bild eine Besonderheit für sich. Allein schon wegen des Timings. Alle müssen für das Shooting Zeit haben, das Wetter muss stimmen. Für den Hintergrund verwenden wir oft Schleierkraut – aber das ist im Frühjahr zu klein, zu grün. Im Sommer ist es dann schön voluminös, weiß – so wie ich es haben will. Auch das ist ein Faktor. (…) Mehr
