fbpx

Moment by Moment

Ariadne von Schirach: Lob der Schönheit

Schönheit ist Teamwork, sagt Ariadne von Schirach, ein Wechselspiel zwischen dem, was ist, und unserer Wahrnehmung. Und die können wir trainieren, indem wir lernen, die Welt und ihre Bewohner jeden Tag mit neuen Augen zu sehen. Schönheit beinhaltet aber auch eine ethische Forderung, die uns daran erinnert, dass es an uns liegt, die Natur und ihre Wunder zu bewahren.

Text: Ariadne von Schirach | Foto: Marina Weigl

Der Himmel leuchtete blassblau, eine merkwürdige Farbe, die ich so noch nie wahrgenommen hatte. Ich machte gerade einen Abendspaziergang durch ein kleines Dorf am Rand der Berge und war tief in Gedanken versunken. Plötzlich fiel mir ein, dass ich noch Milch kaufen musste, und ich blieb stehen und blickte auf. Unversehens hatte sich die Stimmung um mich herum geändert und das Vertraute war auf einmal anders geworden, geheimnisvoll. Die Bauernhäuser um mich herum schienen ihr eigenes Licht zu besitzen, warm und fest konturiert, während in dem weiter blass leuchtenden Himmel langsam ein dicker Mond sichtbar wurde. Für einen Augenblick war alles lebendig und wunderschön, und ich blickte von den Häusern zum Himmel und wieder zurück und fühlte mich beschenkt. Dann fiel mir die Milch ein und ich machte mich auf den Rückweg. Es dämmerte rasch, und ein paar Minuten später war alles so, wie es immer schon gewesen ist.

Die Natur als Lehrmeisterin

Schönheit verzaubert die Welt. Wir können sie wahrnehmen, aber auch selbst hervorbringen, indem wir das, was da ist, veredeln: ob wir draußen Müll auflesen oder drinnen ein Zimmer aufräumen, ob wir uns selbst mit schönen Kleidern schmücken oder unsere Tische mit Blumen. Wir können die Welt aber nicht nur verschönern, sondern auch gestalten. Wir Menschen sind Anfänge, sagt Hannah Arendt. Wir sind alle kreative Kreaturen, die Neues und Eigenes zu diesem Leben beitragen. Doch wenn wir es schon machen müssen, warum machen wir es nicht schön?

Nur wie? Was Schönheit betrifft, halte ich die Natur für unsere größte Lehrmeisterin. Unerschöpflich sind ihre Farben und Formen, Texturen und Arrangements. Manchmal ist das Naturschöne aufdringlich wie die idiotische Frische einer Frühlingswiese, manchmal offenbart es sich nur den Kundigen.

Auch unser Schönheitssinn ist ein Muskel, den wir trainieren können. Und müssen. Es bedarf der Beharrlichkeit, eine innere Sammlung von Abendhimmeln anzulegen, die Rinden und Blätter der Bäume zu kennen oder interessante Steine wahrzunehmen. Es kostet, aber es nährt auch. Ich jedenfalls werde für den Rest meines Lebens von den leuchtenden Sonnenuntergängen zehren, die mir auf einer thailändischen Insel geschenkt worden sind. Von den Blumen im Toten Gebirge im Salzburger Land. Oder von diesem Morgen an einem indischen Strand. Es war so unermesslich klar und frisch, als wäre es der erste aller Morgen. Einige bunte Boote machten sich an dem breiten, goldgelben Strand für ihr Tagwerk bereit, hinter ihnen lag ruhig und erwartungsvoll das tiefblaue Meer. Ein Rudel wilder Hunde drehte schweigend ihre Runde, die Luft war warm und unbewegt, es roch nach Salz und Öl und Blumen. Die kräftige Morgensonne verlieh allen Farben einen übernatürlichen Glanz. Die ganze Szenerie war atemberaubend anmutig, und ich meinte, ein Gefühl von berechtigtem Stolz zu spüren, als sei eine ferne, große Kraft sehr zufrieden.

Ist es nicht schön, habe ich es nicht schön gemacht, schien sie zu sagen, und ich antwortete: Ja, wirklich wunderschön. Dabei musste ich an die Bhagavad Gita denken, wo Lord Krishna betont, wie sehr ihm das Lichte, Glanzvolle, Gelingende gefällt, und ich blinzelte in die herrliche Sonne und dachte: Schönheit ist die Eitelkeit des Göttlichen. Vielleicht ist sie auch die Rettung des Menschen. Denn das Erstaunlichste sind nicht leuchtende Morgen am anderen Ende der Welt, sondern die Tatsache, dass wir Menschen alles, wofür es sich zu leben lohnt, so leicht vergessen können. In dieser Welt voller Wehmut und Wunder bringen wir es fertig, uns zu langweilen, indem wir unsere lebendige Seele in geschäftstüchtige Gedanken und kleinteilige Routinen einmauern und die Natur um uns herum mit elend öden Gebäuden beleidigen.

Eine solch unschöne und leblose Welt ist jedoch keine Tatsache, sondern ein Wahrnehmungsfehler. Das Schöne ist unverlierbar. Und es wartet immer genau dort, wo wir gerade sind. Denn das, was wir Schönheit nennen, ist immer schon Teamwork: das, was ist, und unser Blick, der es erkennt. Dabei ist, was uns wahrhaftig schön erscheint, immer auch unschön – oder zumindest fragwürdig. Verfallende Häuser in zartem Pastel, ein makelloses Gesicht mit einem schiefen Mund, ein dunstiger Wald, in dem Werden und Vergehen stets nebeneinander existieren.

Schönheit ohne diese inneren Widersprüche ist banal. Ihr Geheimnis liegt in der Harmonie, die Verschiedenartiges anmutig verbindet. Das hat sie mit der Liebe gemein, die nicht nur das Liebenswerte, sondern auch das Nichtliebenswerte liebt. Und so ist auch wahre Schönheit niemals einförmig oder glatt, sondern immer gebrochen und genau deshalb interessant und tief. Schönheit ist der Glanz des Wahren heißt es, und nichts ist wahr ohne sein Gegenteil.

Die Schule des Sehens

Diese unauflöslichen Spannungen versöhnen nicht nur mit der eigenen Begrenztheit, sondern eröffnen auch eine facettenreiche Schule des Sehens. Es kommt eben nicht nur auf das Material an, sondern auch auf die Perspektive. Unsere Wahrnehmung ist die wichtigste Komplizin der Schönheit, und zu ihr zurückzukehren, heißt, jeden Tag wieder zu üben, das, was ist, mit neuen Augen anzublicken. Alles beginnt mit unserer bewussten Aufmerksamkeit: Was gefällt mir, regt mich an, begeistert mich? Welche Farben mag ich, welche Jahreszeiten, welches Licht? (…) Mehr

Diese Leseprobe endet hier. Möchten Sie weiterlesen? Unsere Ausgabe „SchönSein – was uns strahlen lässt“ können Sie bequem online bestellen.

Zur Ausgabe „SchönSein – was uns strahlen lässt“ im Shop

Scroll to Top