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Moment by Moment

Der magische Garten

László Krasznahorkai, Literaturnobelpreisträger 2025, erzählt in Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss von der Suche nach dem schönsten Garten der Welt. Was wie eine Reise beginnt, entfaltet sich als magischer Initiationsweg und Wahrnehmungspfad – eine stille Erkundung dessen, was Schönheit vermag.

Ein Nachfahre des Prinzen Genji reist in die Berge nahe Kyoto. Dort soll sich ein Garten befinden, von dem man sagt, er sei der schönste der Welt. Doch Krasznahorkai interessiert weniger das Ziel als die Verwandlung des Blicks. Schon das erste Tor ist kein gewöhnliches, sondern eine Schwelle ohne eindeutige Richtung – ein Bauwerk, das den Ankommenden „von einer anderen Richtung erwartet und in eine andere Richtung lenkt“.

Die Gassen wirken labyrinthartig, doch „überhaupt nichts Beängstigendes, noch weniger etwas Vergebliches“ liegt in ihrem Verlauf. Bambuszweige, Zäune, Regendächer, das silbrige Nadelwerk einer Tränenkiefer – alles scheint sich schützend dem Wanderer zuzuneigen. „Er solle einfach zwischen diesen Häuschen ruhig weitergehen“, heißt es einmal, sich an dem freuen, was ihm begegnet.

Der Roman entfaltet eine fast japanische Ästhetik: präzis, reduziert und von großer innerer Spannung. Krasznahorkais lange, rhythmische Sätze bewegen sich wie Atemzüge durch Architektur und Landschaft. Handlung im klassischen Sinn tritt zurück; stattdessen entsteht eine magische Initiationsreise, in der sich das Verhältnis von Innen und Außen verschiebt. Der Weg des Protagonisten – und die Reise des Lesers – werden zur Schule der Kontemplation, ja zum gesuchten Garten selbst.

Dieses Buch verlangt Langsamkeit und schenkt dafür eine seltene Erfahrung: dass der Weg selbst zum Ziel wird, wenn Schönheit in unserer Wahrnehmung entsteht. Ein ruhiges und doch intensives Werk, das lange nachhallt. nc

László Krasznahorkai, geboren 1954 in Gyula, Ungarn, zählt zu den bedeutendsten europäischen Gegenwartsautoren. Seine rhythmisch verschachtelten, oft meditativ angelegten Romane kreisen um Wahrnehmung, Verfall, Transzendenz und die Fragilität menschlicher Ordnung. 2025 wurde er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Er lebt zeitweise in Berlin und Japan.

László Krasznahorkai
Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss
Fischer Taschenbuch 2025
EUR 14,00

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