„Haben oder Sein?“ – diese Frage stellte Erich Fromm schon im Jahr 1976. Lilly Gebert greift sie in Sein statt Haben neu auf und beantwortet sie als Stimme einer neuen Generation. Ihre „Enzyklopädie für die neue Zeit“ versammelt 82 Begriffe von Abschied bis Zu-Hause-Sein und umkreist eine zentrale These: Der Mensch klammert sich an Besitz, weil er Angst vor der eigenen Lebendigkeit hat. Gebert schreibt essayistisch, dicht und existenziell. Sie folgt den Gedanken von Erich Fromm, Emil Cioran und Hannah Arendt, doch ihr Ton ist persönlich, suchend, manchmal anklagend. Im Kapitel „Das Haben“ beschreibt sie eine Gesellschaft, die innere Leere mit Äußerlichkeiten kompensiert und kommt zu dem Schluss: „Du kannst Leere nicht durch Leere füllen.“ Die Autorin plädiert für Würde, Selbstwirksamkeit und Präsenz als echte Antworten. Dieses unmittelbare Sein ist allerdings kein Wellness-Versprechen, sondern eine Zumutung: die Bereitschaft, innere Leere auszuhalten, statt sie zu überdecken. Der alphabetische Aufbau des Buchs lädt zum Springen ein; jedes Stichwort steht für sich und verweist doch auf das Ganze. Kein Ratgeber, sondern ein philosophisches Vokabular gegen Entfremdung – herausfordernd, poetisch und bewusst unbequem. nc
Lilly Gebert
Sein statt Haben
Scorpio Verlag 2025
EUR 24,00