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Moment by Moment

Christiane Wolf: Der Fluss des Lebens

Veränderungen fühlen sich oftmals unangenehm an – dabei ist es die Natur des Lebens, im ständigen Wandel zu sein. Wie gelingt es uns, dem Wandel zwischen Kontrolle und Uns-treiben-Lassen offen zu begegnen? Ausgehend von ihrem eigenen Lebensweg erzählt Christiane Wolf, wie eine scheinbar vorübergehende Entscheidung ihr Leben in eine neue Richtung lenkte.

Text: Christiane Wolf | Foto: Unsplash +

Leben ist beständiger Wandel, ob wir es wahrnehmen oder nicht. Wie der schöne Postkartenspruch sagt: „Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung.“ Manchmal möchten wir uns verändern, manchmal wünschen wir uns Veränderung im Außen. Dann wieder möchten wir, dass sich nichts verändert und wir uns nicht ändern müssen – und der Fluss des Lebens fließt trotzdem weiter. Uns im Wandel zu üben, ist also gut investierte Zeit.

Der menschliche Drang zur Veränderung, zur Verbesserung – er hat uns viel Gutes gebracht, aber wir wissen oft nicht, wann es genug ist. Wenn ich das Bedürfnis verspüre, mich zu verändern, kann es hilfreich sein, zu fragen, warum. Ist es diese nagende Unzufriedenheit mit dem, wer ich bin? Eine Version des ewigen Nicht-gut-genug-Seins? Was erhoffe ich mir, wird nach der Veränderung anders sein? Das erinnert mich an einen Cartoon über Vorher/Nachher-Bilder vom Gewichtabnehmen: Eine übergewichtige Person im Vorher-Bild sagt: „Ich hasse mich“ – und auf dem Nachher-Bild im schlanken Zustand denkt sie: „Ich hasse mich noch immer.“

Oder wollen wir Veränderung als eine generelle Wertschätzung von Wachstum als etwas Gutes für das Menschsein? Betrachten wir es neugierig als Herausforderung? Der Psychologe Tory Higgins zeigt, dass die Spannung zwischen Ist-Selbst, Wunsch-Selbst und gesellschaftlichem Soll-Selbst uns antreibt – aber bei zu großer Diskrepanz auch erdrücken kann. Sind wir im Fluss mit uns selbst – oder paddeln wir gegen uns an?

Zwischen Kontrolle und Loslassen

Wir bewegen uns in einem Spektrum zwischen einem bloßen Uns-treiben-Lassen und dem zwanghaften Kontrollieren unseres gesamten Lebens. Der Begriff psychologische Flexibilität aus der ACT (Acceptance and Commitment Therapy) beschreibt die Fähigkeit, sich an veränderte Umstände anzupassen und Herausforderungen konstruktiv zu begegnen.

Als jemand, die ihr Leben sehr durchgeplant hat und ein Kontrollfreak ist, übe ich mich seit Jahren darin, mehr zuzulassen. Ich habe dazu das Bild von einem Kanu vor Augen, das den Fluss mit eingezogenen Paddeln hinabtreibt. Allein dieses Bild macht mir Angst, weil es meine Vorstellung ist, dass der Fluss des Lebens schnell fließt und voller Steine ist und ich ständig auf der Hut und proaktiv sein muss. Was ich langsam mehr einsehe: Durch mein starkes Kontrollieren paddle ich an vielen schönen Plätzen vorbei, weil ich mir deren Existenz gar nicht vorstellen kann. Und wenn ich ehrlich bin, sind viele – die meisten? – der guten Bausteine meines Lebens durch Zufälle in es hineingekommen, nicht durch Strategien und Planung.

Achtsamkeit ist hier so zentral, weil sie uns aufzeigen kann, wann wir in die eine oder andere Richtung aus der Balance geraten. Der thailändische Meditationsmeister Ajahn Chah wurde einmal gefragt, warum er zwei Schülern die genau entgegengesetzte Antwort auf dieselbe Frage gegeben hatte. Er antwortete: „Wenn jemand vor mir auf einem Damm entlanggeht und nach rechts abdriftet, rufe ich: ,Lauf nach links!‘ – und wenn jemand droht, nach links in den Graben zu fallen, rufe ich: ,Lauf nach rechts!‘“ Beim Kanu-Bild würden wir mal nach rechts und mal nach links paddeln, je nachdem, was sich in dem Moment zeigt – und das bewusste Sich-treiben-Lassen käme als dritte Kategorie hinzu. So benutzen wir Achtsamkeit und Meditation, um Bewusstsein, Raum und Klarheit zu gewinnen, anstatt sie als Flucht oder Vermeidung zu missbrauchen.

Wir können unseren Geist bewusst trainieren, um tief verankerte Muster zu verändern, aber der Prozess ist nicht einfach. Heidi Koppl, die gerade ein drei Jahre langes Retreat in der Tradition des tibetischen Buddhismus beendet hat, sagt in einem Interview: „Echte Veränderung im Geist ist sehr langsam. Sie braucht Zeit, Geduld und die Bereitschaft, mit den Dingen zu arbeiten, die man nicht mag, wie etwa negative Gedanken oder Ärger. Du musst deinen eigenen Geist anschauen und negative Bedingungen als Gelegenheit zur Transformation annehmen.“

Kleine Entscheidung, große Veränderung

Offenheit scheint eine wichtige Rolle im Spiel des Wachstums zu spielen. Die Talkshow- Moderatorin Oprah Winfrey sagt: „Ich glaube, man hat Glück, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft. Wenn man nicht vorbereitet ist, wenn sich die Gelegenheit bietet, hat man auch kein Glück.“

Eine der größten Veränderungen in meinem Leben begann damit, dass ich meinem Mann zustimmte, ihn für ein Jahr in die USA zu begleiten, während ich mit unserer ältesten Tochter im Erziehungsurlaub war. Ich hatte keine Ahnung, dass diese Entscheidung dazu führen würde, dass wir dauerhaft auswandern und hier in Los Angeles unsere Kinder großziehen würden – und dass sie für mich letztlich eine massive berufliche Umorientierung bedeuten würde, von meiner Arbeit als Gynäkologin in Berlin zur Meditationslehrerin in Los Angeles.

Vorbereitung traf auf Gelegenheit: Als ich in Los Angeles meiner Lehrerin Trudy Goodman begegnete, hatte ich bereits viele Jahre im Dharma praktiziert, aber auch Erfahrung darin, Medizinstudenten zu unterrichten – beides kam zusammen, als ich begann, MBSR zu unterrichten.

Transformation kann sehr abrupt und massiv passieren – oder sehr langsam, fast unmerklich. Wenn eine geliebte Person stirbt oder wir unerwartet unseren Job verlieren, ist unser Leben schlagartig verändert, wie von einem Wildwasser erfasst. Unsere Arbeit liegt dann darin, uns mit den neuen Umständen auseinanderzusetzen und den neuen Status quo zu leben. Auf der anderen Seite übersehen wir häufig, wie sehr kleine Handlungen im Laufe der Zeit die Ausrichtung in unserem Leben verändern. Ein Flugzeug, das von New York nach London fliegt und seinen Kurs um nur ein Grad verändert, wird in Spanien landen. Meine Geschichte ist genau das: eine kleine Entscheidung – ein Jahr mitgehen – und ein Leben, das sich vollständig verändert hat.

Posttraumatisches Wachstum

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal an einer Schwitzhüttenzeremonie teilnahm, wurden wir gebeten, Tabak als Gabe für die Schutzgeister mitzubringen. Als wir ankamen, rauchten eine Reihe der Teilnehmer. Jemand hob die Hand und fragte den Leiter, ein Mitglied des örtlichen Chumash-Stammes, was das mit dem Tabak und dem Rauchen auf sich hätte – das sei doch hier eine spirituelle Praxis und Rauchen sei ungesund. Woraufhin der Leiter zurückfragte: „Was ist, wenn diese Zigarette das Einzige ist, was diesen Mann davon abhält, sich das Leben zu nehmen?“ Diese überraschende Antwort war vielleicht die wichtigste Einsicht, die ich von dem Wochenende mit nach Hause nahm.

Wenn ich mich leer, einsam oder überfordert fühle und es den inneren Impuls gibt, diesen Schmerz zu stoppen, ist das zunächst nicht schlecht, sondern ein gesunder Impuls. Die darauffolgende Handlung oder das Muster, mit dem ich reagiere, mögen vielleicht Konflikte schaffen oder ungesund sein. Oft gibt es keine einfache oder schnelle Lösung – aber wenn wir es schaffen, das innere Klima durch Mitgefühl und Verständnis zu verändern, schafft das eine andere Basis zur Veränderung. So kann nach langfristigen Prozessen und Lösungen gesucht werden, die die Gesundheit des gesamten Systems unterstützen.

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