Im Juli feiert Bruder David Steindl-Rast, einer der großen spirituellen Lehrer unserer Zeit, seinen 100. Geburtstag. Geprägt vom interreligiösen Dialog und von einer gelebten Spiritualität der Dankbarkeit, blickt er auf ein bewegtes Leben zurück. Im Kloster Gut Aich spricht der Benediktinermönch mit uns über Ehrfurcht, Beziehung und die Frage, wie sich Spiritualität und politisches Engagement heute miteinander verbinden lassen.
Interview: Hemma Büchele, Max Fuchslueger | Foto: Toni Huber
Hemma: Gibt es eine Weisheit, die in dieser letzten Phase deines Lebens, auch im Angesicht des Todes, für dich besonders wichtig geworden ist?
Bruder David: Worauf es letztlich ankommt, ist, dass wir gut zueinander sind. Dass wir einander ehren, Respekt füreinander haben. Und nicht nur füreinander als Menschen, sondern auch für die Tiere und die unbelebte Natur. Dass wir ehrfürchtig leben. Und freundlich. Das scheint mir das Wichtigste.
Hemma: Ehrfurcht ist ein sehr alter Begriff. Was verbindest du damit?
Bruder David: Die meisten Menschen empfinden Ehrfurcht, wenn sie ein Naturereignis miterleben: ein Gewitter im Gebirge, ein Erdbeben oder einen Regenbogen. Sowas ergreift uns. Da ist etwas Geheimnisvolles dahinter. Und dieses Gefühl schwankt zwischen einer Art Erschütterung und Angst, fast Furcht – darum steckt auch das Wort „Furcht“ in dem Begriff –, und Anziehung. Also man ist zugleich fasziniert und erschüttert.
Das Bild, das mir dabei einfällt, ist ein Kind am Strand. Wenn die Wellen kommen, ist es ängstlich und läuft davon. Und wenn die Wellen zurückgehen, erlebt das Kind die Faszination des Meeres und läuft wieder voraus. Die kleinen Vögel machen das ja auch am Strand. Aber bei Kindern spielt da wahrscheinlich dieses Gefühl mit, das wir Ehrfurcht nennen. Und das ist das typische Gefühl, das durch das Heilige ausgelöst wird.
In der Umgangssprache ist das Wort „das Heilige“ nicht mehr so kräftig. Aber wenn uns zum Beispiel Musik berührt, ist das der Augenblick, in dem wir in Beziehung stehen mit diesem letzten Geheimnis der Wirklichkeit, dem letzten Geheimnis des Seins. Und diese Beziehung kann in jeden Augenblick des Lebens einfließen, ganz unterschwellig.
Weil uns heute die Beziehung zu diesem großen Geheimnis als Gesellschaft verloren gegangen ist, gibt es so viele unerfüllte Lebensgeschichten. Aber wenn einem das einmal bewusst geworden ist, kann man die Beziehung zu diesem großen Geheimnis pflegen und aufbauen. Das große Geheimnis des Seins ist ja nichts Abstraktes. Es ist für jede und jeden von uns das Ur-Du – das große Du.
Wir erleben, dass wir unsere Lebensgeschichte immer jemandem erzählen wollen, und zugleich, dass wir sie auch den liebsten und nahestehendsten Menschen nicht restlos erzählen können. Das weist darauf hin, dass wir auf ein noch umfassenderes Du angelegt sind als jedes Du, mit dem wir in Beziehung stehen. Aber nicht so, als wäre das jetzt etwas anderes. Es ist eins.
Aber in jedem Du, mit dem wir in Beziehung stehen, stehen wir zugleich mit dem Urgrund des Seins in Verbindung – unserem eigentlichen Du. Von dem wir sagen können: Ich bin durch dich so ich. Denn wir könnten gar nicht „Ich“ sagen, wenn wir nicht in Beziehung zu diesem großen Du stünden.
Max: Ich habe erlebt, dass diese Beziehung in unserer Welt gestört ist. Deswegen habe ich mich politisch engagiert und bin auf die Straße gegangen. Ich war aber so getrieben von einer Dringlichkeit, dass ich diese Beziehung verloren habe. Und ich frage mich, wie sich das politische Aktivsein mit dieser Beziehung in Verbindung bringen lässt.
Bruder David: Vielleicht ist es am einfachsten und zugleich am ehrlichsten, wenn ich das ganz klar mit meiner christlichen Überzeugung in Verbindung bringe. Nirgends finde ich die Verbindung zwischen Spiritualität und Politik klarer ausgedrückt als im historischen Jesus.
Die Kreuzigung Jesu war ausdrücklich und ausschließlich eine politische Hinrichtung. Denn die Kreuzigung – das wissen wir heute – war aufständischen Sklaven und Aufrührern vorbehalten. Also allen, die das römische Reich von Grund auf bedroht haben. Jesus hat etwas gepredigt, was die römische Machtpolitik zutiefst infrage stellte.
Das Lebenswerk Jesu war das, was in den Evangelien das „Reich Gottes“ heißt. Heute würden wir das vielleicht so sagen: Er hat sich bemüht, die Gesellschaft dorthin zu bringen, wo sie sein könnte, wenn wir ehrfürchtig lebten. Wenn wir wirklich eingebettet wären, nicht nur in die Natur, sondern in das ganze Sein. Sein Ansatz war auf drei Gebieten revolutionär. Das römische Reich war das Gewaltreich, eine Machtpyramide. Oben sitzt jemand, der so viel Macht hat wie nur möglich. Und dieser Macht hat Jesus die Gewaltfreiheit gegenübergestellt.
In dieser Machtpyramide tritt Rivalität auf. Dieser Rivalität hat er die Zusammenarbeit gegenübergestellt. Ganz unten in dieser Machtpyramide geht es um Selbstsucht und Habsucht. Und ihnen hat er das Teilen gegenübergestellt. In der Apostelgeschichte sieht man noch – idealisiert –, wie das funktioniert haben könnte. Männer, Frauen, Juden, Heiden, alle waren auf einer Ebene, haben zusammengearbeitet und alles geteilt.
Und das hat Pontius Pilatus erkannt. Darum hat er Jesus kreuzigen lassen.
Hemma: Was ist das Besondere an Gemeinschaft?
Bruder David: Wenn ich versuchen sollte, mit einem Wort zu sagen, worauf es letztlich ankommt, würde ich sagen: Beziehung. Und Beziehung ist natürlich Gemeinschaft. Gemeinschaft besteht aus Beziehungen. Was wir letztlich lernen wollen, um ein erfülltes, reiches und freudiges Leben zu haben – ist, unsere Beziehungen gut zu pflegen.
Das Idealbild einer heilen Welt ist eine egalitäre, gewaltfreie Gemeinschaft, in der alle zusammenarbeiten und alles teilen. Wir sind konfrontiert mit Problemen, die nur gelöst werden können, wenn wir weltweit zusammenarbeiten. Leider sind wir noch sehr weit davon entfernt. Da kommt es darauf an, sich zu fragen: Was kann ich persönlich beitragen, um diese Polarisierung der Welt zu überbrücken?
Hemma: Du warst selbst im Krieg, hast diese Zeit erlebt. Was hat dir in deinem Leben Halt und die Kraft gegeben, auf das Fremde zuzugehen?
Bruder David: Wenn jemand etwas über christliche Spiritualität weiß, dann weiß er, dass sie beinhaltet: Du sollst deinen Nächsten lieben. Das heißt: wer immer gerade da ist. Nicht den Fernsten, sondern den, der dir gerade am nächsten ist. Als dich selbst – nicht wie dich selbst. Das ist eine falsche Übersetzung, denn wir haben nur ein Selbst. Es gibt nicht mehrere Selbste. Und als dieses Selbst lieben wir. Liebe bedeutet – so definiere ich das – das freudig gelebte Ja zur Zusammengehörigkeit. So sollen wir unseren Nächsten lieben. Und ausdrücklich auch unsere Feinde. Wir gehören zusammen. Wenn du dich dafür einsetzt, in der Arktis Öl auszubeuten – dann werde ich dich politisch bekämpfen. Ich werde alles tun, um das zu verhindern. Aber in Fairness, ja sogar in persönlicher Fürsorge für meine Feinde, denn im Grunde sind wir eins – ein Selbst.
Es geht sogar so weit, dass man Mitgefühl haben kann mit Menschen, denen man entschieden entgegenarbeiten muss. Sie sind ja auch oft in Situationen, die sie selbst unglücklich machen. Es gibt einen kleinen Trick, der mir auf einer niedrigeren Ebene schon oft geholfen hat: Wenn ich mit jemandem nicht gleicher Meinung war und Spannungen bestanden haben, habe ich versucht, die andere Person in meiner Fantasie immer jünger und jünger zu machen. Bis da ein Baby saß. Besonders wenn jemand tobt und tobt – und du machst dir klar, dass das einmal ein schreiendes Baby war, dann geht dir plötzlich das Herz auf. (…) Mehr
