Richard Gere erzählt, wie der tibetische Buddhismus seinen Blick auf Glück, Leid und Verantwortung verändert hat – und warum die Freundschaft mit dem Dalai Lama für ihn weit mehr als eine persönliche Inspiration ist. Davon handelt auf besondere Weise auch der Film Wisdom of Happiness, den er als Executive Producer begleitet hat.
Interview: Andrea Miller
Sie sind Executive Producer des neuen Dokumentarfilms Weisheit des Glücks. Was verstehen Sie persönlich unter Glück?
Wir alle wollen glücklich sein, aber nicht alle verstehen darunter dasselbe. Darin liegt ja auch ein Grund für die Konflikte in unserer Welt: Wir haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie die Welt sein sollte, damit wir glücklich sein können. Alles, was diese gedanklichen Überlagerungen auflöst – unsere Vorstellungen davon, wie unser Geist funktioniert und wie die Welt zu sein hat –, bringt uns dem echten Glück einen Schritt näher. Nicht einem einfachen, oberflächlichen Glück, sondern einem Glück, das Bestand hat. Das Glück, von dem wir hier sprechen, gehört in den Bereich der Befreiung, nicht in den der Befriedigung unserer Sinne.
Können Sie noch etwas mehr darüber sagen, wie wir dieses Glück erreichen?
In dem Maße, in dem wir beginnen, unsere Vorstellung von einem festen „Ich“ weicher werden zu lassen – also unsere Ich-Fixierung zu lockern –, kann sich diese Freiheit entfalten.
Welche Rolle spielt Leiden beim Erwachen?
Das Menschsein ist aus zwei Gründen besonders: Wir besitzen die Fähigkeit zu großer Intelligenz – und wir leiden. Und weil wir leiden, wollen wir aus diesem Leiden herausfinden. Das gibt uns den Antrieb und die Energie, tiefer zu schauen – auch in unseren eigenen Geist hinein. Genau darin besteht ja Meditation: den Geist aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.
Wenn wir unsere Intelligenz nutzen – nicht unsere tierische Natur, sondern unsere höhere Einsicht –, um Leiden zu transformieren, es zu überwinden oder uns davon zu lösen, dann erfüllen wir das Versprechen, das in unserem Menschsein liegt.
Die Welt, in der wir heute leben, lehrt uns gerade viel über die Natur des Leidens – selbst in Amerika, wo wir scheinbar alles haben. Ich meine: Selbst unsere Lama-Freunde aus Tibet freuen sich über westliche Badezimmer. Sie genießen heißes Wasser. Aber die sinnlichen Freuden – die beste dunkle Schokolade, das großartigste Restaurant, schöne Kleidung oder was auch immer – verblassen im Vergleich zu einer dauerhaften inneren Glückseligkeit, die aus der tiefen Arbeit an uns selbst entsteht.
Finden Sie, dass Meditation der beste Weg ist, mit schwierigen Emotionen umzugehen?
Meditation gibt uns den Raum, in dem wir unseren Geist erforschen und betrachten können. Sie löst einige innere Knoten. Das Oberflächenrauschen unseres Geistes ist oft überwältigend – es ist schwer, darunter oder darüber hinaus zu sehen. Eine einfache Meditation kann dieses ständige innere Geplapper ein wenig zum Verstummen bringen. Wir alle sehnen uns nach Glück, nach Freiheit. Und je tiefer wir hinschauen, desto tiefer wird auch das Glück, das wir finden. Warum leiden wir? Warum bestimmen leidvolle Emotionen so vieles von dem, was wir tun? Wie können wir sie transformieren?
Der buddhistische Weg führt zur Ursache, zur Wurzel des Leids. Man kann natürlich an der Oberfläche arbeiten – aber das wirkt letztlich nur kurzfristig. Die eigentliche Ursache ist der felsenfeste Glaube, dass wir so existieren, wie wir zu existieren scheinen, dass wir unvergänglich sind, getrennt von allen anderen Wesen – vom physischen wie vom geistigen Universum – und dass wir immer schon so gewesen sind.
Wir ziehen sehr harte Grenzen um diese Vorstellung von „mir“, „ich“, „Selbst“. Genau darin liegt die Wurzel all jener leidvollen Emotionen – in der Fixierung auf das eigene Selbst. Man sagt, wenn man einmal in den Fängen dieser Selbstbezogenheit steckt, stehen all die anderen Dämonen dahinter bereits Schlange, mit weit aufgerissenen Mäulern. Die Ursache all dieser weiteren leidvollen Emotionen – der Dämonen, die sich hinter uns aufreihen – ist dieser falsche Glaube an ein festes Selbst. Genau dort setzt der Buddhismus an.
Wie hat Ihnen die buddhistische Praxis persönlich geholfen?
Das werde ich oft gefragt. Und ich antworte: Ich werde weniger wütend – und das ist schon mal nicht schlecht. Ich habe etwas mehr Geduld. Vielleicht auch ein wenig mehr die Fähigkeit, die Geschichten anderer Menschen zu sehen. Die Praxis schafft einen Raum, in dem man nicht sofort reagiert. Bevor ein Gedanke ein Eigenleben zu führen beginnt und ein ganzes Drama daraus wird, eine Geschichte, die uns an einen finsteren Ort führt – oder bevor man etwas sagt, was eine negative Dynamik auslöst, oder etwas tut, was eine solche Dynamik in Gang setzt –, kann man die Energie des Geistes in eine andere Richtung lenken.
Können Sie uns von Ihrer ersten Begegnung mit Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama erzählen?
Ich hatte den starken Wunsch, den Dalai Lama zu treffen, obwohl ich damals eigentlich gar nicht viel über ihn wusste. Ich war Zen-Buddhist, und zu dieser Zeit gab es auf Englisch noch nicht besonders viel Literatur aus tibetischer Perspektive. Ich hatte die Bücher von Walter Evans- Wentz aus den 20er- und 30er-Jahren gelesen, die mich sehr beeindruckt haben. Aber von den politischen Verhältnissen in Tibet hatte ich keine Ahnung. Ich wusste nichts über die Invasion und die Besetzung. Ich wusste auch nicht, dass der Dalai Lama im Exil lebte. Es war also eher eine romantische Sehnsucht.
Ein Freund eines Freundes, John Avedon, schrieb damals ein Buch über Seine Heiligkeit und über die Erfahrungen der Tibeter im Exil sowie über ihre Geschichte. Ich sprach mit John darüber, und er sagte: „Fahr nicht nach Tibet – die Chinesen werden dir dort nichts zeigen. Fahr nach Dharamsala. Dort befindet sich die Gemeinschaft. Seine Heiligkeit ist dort. Andere hohe Lamas sind dort. Du wirst Tibeter treffen und vor Ort erfahren, wie sie leben.“
Also machte ich mich auf den Weg. Anfang der 80er-Jahre war es allerdings nicht gerade einfach, nach Dharamsala zu gelangen. Es war Monsunzeit, die Nachtzüge waren alles andere als angenehm, und es war gar nicht so leicht, herauszufinden, wen man eigentlich treffen sollte. Aber eins führte zum anderen, und schließlich wohnte ich bei Ngari Rinpoche, dem jüngsten Bruder Seiner Heiligkeit, und bei seiner Frau Rinchen Khandro, mit der ich bis heute eng befreundet bin.
Ich blieb mehrere Wochen dort, bevor ich schließlich eine Audienz bei Seiner Heiligkeit bekam. In dieser Zeit lernte ich die tibetische Gemeinschaft wirklich kennen – und ich habe sie lieben gelernt. Viele Menschen haben ja eine sehr romantische Vorstellung davon, was passiert, wenn man einem großen Lama begegnet, vor allem Seiner Heiligkeit: dass er sofort erkennt, dass man genau der Schüler ist, auf den er gewartet hat, und dass er einen mit einer einzigen Handbewegung zur Erleuchtung führt. Als ich den Dalai Lama traf, geschah das natürlich nicht. Seine Heiligkeit ist viel zu einsichtsvoll dafür – und er ist sehr geschickt darin, solche kindischen Erwartungen schnell beiseitezuräumen und direkt auf den Punkt zu kommen.
Er wusste nicht, wer ich war. Sein Bruder sagte zu ihm: „Er ist ein amerikanischer Schauspieler und ziemlich bekannt.“ Dann begannen wir über Emotionen zu sprechen und er fragte mich: „Wenn du spielst und wütend bist – bist du dann wirklich wütend? Oder wenn du in einer Szene weinst – bist du dann wirklich traurig? Und selbst wenn du glücklich bist: Bist du dann wirklich glücklich?“ Das war ein ganz erstaunliches Gespräch. Natürlich ging es ihm dabei nicht um Schauspielerei, sondern darum, dass diese Emotionen auch in unserem wirklichen Leben – oder in dem, was wir für wirklich halten – gewissermaßen künstlich erzeugt werden. (…) Mehr
