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Moment by Moment

Im Gespräch mit Jon Kabat-Zinn zum 10-jährigen Jubiläum

Jon Kabat-Zinn gehört zu den Menschen, die moment by moment seit der ersten Stunde inspiriert und begleitet haben. Für unsere Jubiläumsausgabe hat uns der Begründer der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) ein besonderes Interview gegeben – persönlich, weitblickend und voller Gegenwartsbezug. Im Gespräch schaut er zurück auf die Anfänge der modernen Achtsamkeitsbewegung, erzählt von seinem Weg zwischen Wissenschaft, Meditation und gesellschaftlichem Engagement – und spricht darüber, warum innere Klarheit, Mitgefühl und die Fähigkeit zu staunen heute wichtiger sind denn je.

Interview: Stefanie Hammer | Foto: Living Moments Photography & Florafoto

Lieber Jon, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch genommen hast. Wir kennen uns schon seit 2003. Lienhard Valentin vom Arbor-Verlag fragte mich 2006, ob ich dich auf deiner Deutschland-Lesereise mit Coming to Our Senses – mit dem deutschen Titel Zur Besinnung kommen – begleiten könnte: als Reisebegleiterin, Fahrerin und Ansprechpartnerin vor Ort. Ich war damals 31 Jahre alt, und diese gemeinsame Zeit hat mein Leben geprägt. Seitdem bist du eine wichtige Inspirationsquelle für mich – für mein Leben, meine Arbeit und meine Meditationspraxis.

Es ist mir eine große Ehre, dieses Gespräch in der Jubiläumsausgabe von moment by moment zu veröffentlichen. Du hast mich und das Magazin von Anfang an unterstützt und begleitet, und dafür bin ich dir besonders dankbar – auch weil du an mich und dieses Projekt geglaubt hast.

Aus meiner Sicht war und ist es sehr erfolgreich. Danke, dass du mich an unsere gemeinsame Buchtour durch Deutschland erinnerst – das war eine tolle Reise und ein echtes Abenteuer. Es berührt mich sehr, zu hören, dass diese Zeit für dich zu einem so prägenden Ereignis geworden ist. Du lebst in meinem Herzen, Stefanie, und ich verneige mich vor allem, was du in die Welt gebracht hast – auch deine Tochter –, und vor dem Weg, den du dabei unter oft sehr schwierigen Umständen gegangen bist.

Zu Beginn deiner Retreats fragst du die Teilnehmer oft: Warum bist du wirklich, wirklich hier? Wenn du dir dieselbe Frage stellst: Was war der tiefste Grund, der dich in den 1970er-Jahren auf den Weg der Achtsamkeit und Meditation geführt hat? Wonach hast du damals wirklich gesucht?

In gewisser Weise bleibt es ein Rätsel, und jede Antwort, die ich gebe, ist eine Geschichte, die auf unterschiedliche Weise erzählt werden könnte. Zum Teil hat das damit zu tun, wie ich aufgewachsen bin. Mein Vater war ein strenger Wissenschaftler – man würde ihn heute als Molekularimmunologen bezeichnen – und Professor an der Columbia Medical School in New York. Unser Wohnhaus stand direkt neben der medizinischen Fakultät, also wuchs ich inmitten von Krankenhäusern, Labors und wissenschaftlicher Forschung auf.

Meine Mutter hingegen war Künstlerin. Sie war aus Kanada nach New York gekommen, um dort Kunst zu studieren, und blieb ihr ganzes Leben lang Malerin. Sie wurde 101½ Jahre alt, malte bis ins zweite Jahrhundert hinein und begann in ihren späteren Jahren sogar, Flöte zu spielen.

So wuchs ich zwischen dem auf, was C. P. Snow mit der berühmten Bezeichnung „die zwei Kulturen“ charakterisiert hat: Wissenschaft und Kunst.

Schon als Kind spürte ich, dass mein Vater die Sichtweise meiner Mutter auf die Welt nicht ganz verstand und meine Mutter die meines Vaters ebenfalls nicht. Ich will hier keine Freud’sche Erklärung dafür liefern, warum ich mich für Meditation zu interessieren begann, aber dieser Hintergrund spielte eine Rolle.

Mitte der 1960er-Jahre, als ich Doktorand am Massachusetts Institute of Technology war, fühlte ich mich zutiefst verunsichert. Der Vietnamkrieg eskalierte und vieles an der Welt kam mir zutiefst falsch vor. Eines Tages, als ich durch die endlosen Flure des MIT ging, sah ich ein Plakat, das einen Vortrag von Philip Kapleau Roshi über die drei Säulen des Zen ankündigte, moderiert von Houston Smith. Ich hatte noch nie von einem von ihnen gehört. Ich hatte noch nie von Zen gehört.

Also ging ich zu dem Vortrag, und es waren nur drei Leute im Publikum. Dieser Vortrag hat mein Leben verändert. Kapleau sprach darüber, wie er als junger Journalist über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse berichtet hatte. Er hatte Zeugenaussagen über den Holocaust gehört – Berichte, die so unvorstellbar waren, dass sie ihn zutiefst traumatisierten. Später begann er eine strenge Zen-Ausbildung in einem Kloster im Norden Japans. Mit der Zeit fand er Heilung – nicht nur körperlich, sondern auch psychisch und spirituell. Ich war 22 Jahre alt, als ich dieser Geschichte lauschte, und etwas öffnete sich in mir.

An diesem Abend habe ich begonnen zu meditieren, und ich habe nie wieder damit aufgehört.

Ich habe in meinem Leben schon vieles angefangen und wieder aufgegeben. Bei der Meditation war es anders. Sehr schnell hatte ich das Gefühl, etwas gefunden zu haben, wonach ich gesucht hatte, ohne es zu wissen: einen Weg, die beiden Welten von Wissenschaft und Kunst zusammenzubringen – nicht meine Mutter und meinen Vater als Individuen, sondern die tiefere Weisheit, die in beiden verkörpert war. Mir wurde klar, dass es eine Kunst in der Wissenschaft und eine Wissenschaft in der Kunst gibt und dass beides im menschlichen Geist entsteht. Meditation bot mir eine Möglichkeit, die Realität auf eine Weise zu erforschen, die sowohl präzise als auch fantasievoll war. Durch das Nicht-Tun und indem man sich mit dem eigenen Geist anfreundet, wird eine andere Art von Intelligenz sichtbar – eine Intelligenz, die dem konzeptuellen Denken vorausgeht. Mein koreanischer Zen-Lehrer nannte das früher „vor dem Denken“. Heute würde ich es einfach Achtsamkeit nennen.

Achtsamkeit ist nichts Besonderes, das wir uns aneignen würden. Sie ist unser Geburtsrecht. Dennoch erhalten wir fast keine Anleitung, um sie zu erkennen oder einen verlässlichen Zugang zu ihr zu entwickeln. Stattdessen identifizieren wir uns mit unseren Gedanken, Emotionen, Vorlieben und Ängsten. Wir gehen davon aus, dass sie das sind, was wir sind.

Meditation ist eine befreiende Praxis, weil sie uns ermöglicht, Gedanken anders zu betrachten. Gedanken sind eher wie Wetterphänomene als wie Besitztümer. Wir sagen „meine Gedanken“, aber wir sagen nicht „mein Regen“. Regen regnet einfach. Gedanken entstehen, ziehen durch den Geist und vergehen auf ganz ähnliche Weise. Durch Achtsamkeit beginnen wir, eine Freiheit zu entdecken, die größer ist als die endlose Erzählung von „ich“, „mich“ und „mein“. Die großen kontemplativen Traditionen weisen auf dieses direkte Wissen hin, auch wenn Sprache es niemals vollständig erfassen kann. Deshalb ist Poesie so wichtig. Viele Zen-Meister haben ihre tiefsten Erkenntnisse nicht durch Erklärungen ausgedrückt, sondern durch Gedichte. Das Gedicht selbst war die Erkenntnis.

So gewann Meditation für mich eine tiefe Bedeutung – nicht nur wegen der Vietnamära und der Fragen, die sie aufwarf, sondern weil sie etwas ansprach, was mir in der Kultur um mich herum zu fehlen schien. Ich war umgeben von brillanten Menschen, die nach Leistung und Erfolg strebten, doch ich stellte mir eine andere Frage: Was ist der Sinn eines menschlichen Lebens? Meditation und Yoga eröffneten einen Raum, in dem diese Frage gelebt werden konnte, anstatt nur beantwortet zu werden.

Du und deine Frau Myla, ihr habt bereits 1997 Everyday Blessings – auf Deutsch Mit Kindern wachsen – geschrieben, lange bevor achtsame Erziehung breitere öffentliche Aufmerksamkeit erlangte. Heute begleitest du liebevoll deine Enkelkinder.

Ja, das stimmt. Unsere jüngste Tochter hat zwei Kinder, und unser Sohn hat ebenfalls zwei. Der Älteste ist jetzt 26, der Jüngste siebeneinhalb. Großvater zu werden, hat für mich etwas Grundlegendes verändert. Es hat meine Beziehung zur Zukunft vertieft. Wenn man Enkelkinder hat, ist die Zukunft keine Abstraktion mehr. Sie wird persönlich.

Wenn du Kindern und Jugendlichen auf dieser Welt etwas Wesentliches mitgeben könntest – welche Werte und welche innere Haltung wären das?

Zunächst einmal würde ich sagen: Vertraue dir selbst. Vertraue darauf, dass du dazugehörst. Und dann such dir Menschen, die das Gesündeste und Lebendigste in dir fördern. Wir alle brauchen einander. Es gibt Dinge, die wir nur durch Beziehungen lernen können. Ich hoffe, dass Kinder ihr Staunen so lange wie möglich bewahren können. Die Kindheit hat eine natürliche Unschuld: Alles ist neu, alles ist Teil eines sich entfaltenden Abenteuers. Allzu oft bedeutet, erwachsen zu werden, den Kontakt zu dieser Frische zu verlieren.

Ich wünsche mir für meine Enkelkinder – und für alle Kinder – dass sie kindlich bleiben, nicht kindisch. Dass sie dem Leben weiterhin mit Neugier, Freude und Offenheit begegnen.

Die Welt ist erstaunlich. Menschen sind erstaunlich. Selbst jetzt noch erfüllt mich Staunen über einfache Dinge. In diesem Sinne bin ich immer noch ein kleiner Junge. Es ist ein großes Geschenk, mit diesem Staunen verbunden zu bleiben.

Und ich würde mir wünschen, dass sie lernen, sich in sich selbst zu Hause zu fühlen – in ihrem Körper, ihrem Herzen und der Welt, in der sie leben. (…) Mehr

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