Dankbarkeit ist weit mehr als ein gutes Gefühl. Sie verändert unseren Blick auf die Welt, lässt Verbundenheit wachsen und kann selbst in schwierigen Zeiten eine Quelle innerer Freiheit sein. Ursula Richard nimmt uns mit auf eine persönliche Reise und lädt uns ein, das Wunder des Lebens neu zu entdecken.
Text: Ursula Richard | Foto: Thomas Rieger, istock
Oft sitze ich in den letzten Tagen auf der Terrasse der kleinen Wohnung in der liebevoll renovierten Alphütte, die ich für drei Wochen gemietet habe. Ich bin auf fast 2.000 Meter Höhe bei Temperaturen, die gut auszuhalten sind. Vor mir liegt ein breites Band sanft geschwungener Bergrücken mit Arvenwäldern und Felsen, die wirken, als wären sie mit Sand gepudert.
Kurz gesagt: Ich habe es sehr gut getroffen. Hier über Dankbarkeit nachzudenken und zu schreiben, ist mit Sicherheit einfacher als an vielen anderen Orten. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mich in meinem Leben auch schon an den wunderschönsten Orten befand, kreuzunglücklich war, weit entfernt vom leisesten Anflug von Dankbarkeit. Ja, manchmal schien es mir sogar, als mache mich die Schönheit der Natur noch verzweifelter.
Aber jetzt und hier ist es anders. Die Schönheit und Präsenz der mich umgebenden Natur drängt Dankbarkeit im Laufe des Tages immer wieder ganz von allein in den Vordergrund meiner Aufmerksamkeit. Wenn ich ihr einen körperlichen Ausdruck geben möchte, verbeuge ich mich vor den Gräsern, Bäumen, Vögeln, Schmetterlingen und Bergen. In ganz besonderen Momenten ist mir, als entstünde eine Resonanz und als verbeugten auch sie sich. Auf jeden Fall stellen sich Gefühle von Ehrfurcht und Demut leicht ein.
Das Geschenk des Lebens
Versuche ich in Worte zu fassen, was mich so dankbar stimmt, fällt mir auf, dass dabei mein Ich, das sich so schnell als Mittelpunkt der Welt betrachtet, höchstens eine Randexistenz bildet. Denn nichts von dem, was da ist und in mir diese Empfindungen wachruft, ist auch nur im Geringsten „mein Verdienst“, „mein Werk“ – weder die Berge noch das Haus, in dem ich hier bin, die Nahrung, die ich zu mir nehme, das Wasser, das ich trinke, die Wege, die ich gehe, die Seilbahn, die mich hergebracht hat, oder meine Sinne, die all das wahrnehmen.
Alles ist das Werk der Natur, des Lebens, das Werk unzähliger Menschen vor mir und auch heute. In diesem Moment kann ich mit vollem Herzen Ja sagen zu den Bedingungen meiner Existenz und spüre, dass die Tiefenökologin Joanna Macy (1929– 2025) recht hat, die gesagt hat: „Uns allen ist ein unschätzbares Geschenk gegeben worden. In diesem wunderbaren, sich selbst organisierenden Universum lebendig zu sein, am Tanz des Lebens teilzuhaben, mit Sinnen, um es wahrzunehmen, mit Lungen, um es zu atmen, mit Organen, die aus ihm Nahrung ziehen – das ist ein Wunder, für das es keine Worte gibt.“
Und die angemessene Antwort auf ein Geschenk ist, so der Vater der traditionsübergreifenden spirituellen Dankbarkeitsbewegung, der mittlerweile 100-jährige Benediktiner David Steindl-Rast, Dankbarkeit. Für ihn lässt sich in der Dankbarkeit die Antwort auf die große menschliche Frage finden: Wer bin ich? „Ich bin“, so sagt er, „ein Geschenk, das ich dankbar zurückschenken kann, dadurch, dass ich mich verwirkliche. Es geht im Leben um diesen dynamischen Kreislauf einer Liebe, die alles hervorbringt und sich wieder zurückschenkt.“
Dankbarkeit ist das tragende Fundament eines glücklichen, erfüllten Lebens, und ihre Quelle liegt für ihn, den Gründer der Netzwerke Grateful Living und Dankbar leben, dort, wo wir uns von den Dingen, die uns so selbstverständlich erscheinen, überraschen, ver-wundern oder er-staunen lassen. Er empfiehlt, im Alltag immer wieder einmal die Frage „Ist das nicht erstaunlich?“ als eine Art Wecker zu benutzen, um für die erstaunliche, überraschende Welt, in der wir leben, wach zu werden. Diese Frage führt ohne allzu große Umwege zu der großen, schwindelerregenden Frage: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts? Und auch diese Frage kräftigt in diesen Tagen den Samen meiner Dankbarkeit dafür, dass es etwas und andere gibt und nicht nichts und niemanden.
Auf Liebe umschalten
Vor einiger Zeit habe ich eine für mich gute Möglichkeit entdeckt, mich unabhängig von den jeweiligen äußeren Umständen mehr für Dankbarkeit zu öffnen. In dem Buch der beiden Zen-Lehrerinnen Eve Myonen Marko und Wendy Egyoku Nakao Erwachen im Alltag – Koans, die das Leben schreibt findet sich die Geschichte einer alten Frau namens Emma, die eine arge Messie ist und allein in einer winzigen, völlig vollgestopften Wohnung lebt. Eines Nachts hat sie einen Traum, in dem ein Mann für sie kocht und eine Frau ihre Wohnung putzt. Währenddessen sieht sie einen großen Stapel Postkarten durch. Und auf einmal fühlt sie sich von einem Gefühl der Liebe durchströmt. Sie sagt: „Ich bin frei. Warum klammere ich mich an dieses ganze Zeug? Es gibt doch endlos viele Möglichkeiten.“
Als sie aufwacht, ist sie sich sicher: „Ich bin voller Liebe, und das gilt auch für alle anderen.“ In den nächsten Tagen hört sie die Bäume, das Gras und die Hauswände immer wieder zu ihr sagen: „Liebe, Liebe, Liebe.“ Sie hat Angst, diese allumfassende Liebe wieder zu verlieren, und geht zu ihrer Zen-Lehrerin, um sie zu fragen: „Was passiert, wenn dieses Bewusstsein wieder verschwindet?“
Die Lehrerin antwortet: „Auf Liebe umschalten ist so einfach wie lächeln.“
Ich habe mich in diese Geschichte verliebt, denn zum einen ist mir Emma immer wieder recht vertraut in ihrem Verlorensein inmitten vieler Dinge, Projekte, Ideen und so weiter. Zum anderen funktioniert der Satz der Zen-Lehrerin für mich (meist) sehr gut und macht die Magie des Lächelns und der Liebe unmittelbar erfahrbar. Er hält mich aber auch für Zwischentöne offen, denn nicht immer will ein Lächeln gelingen; manchmal bleibt es matt, gekünstelt oder gequält – und so ist es mit der Liebe ja auch. In jüngster Zeit habe ich das Wort Liebe immer öfter durch den Begriff Dankbarkeit ersetzt: „Auf Dankbarkeit umschalten ist so einfach wie lächeln“ oder „Dankbar sein ist so einfach wie lächeln“. Und auch so funktioniert der Satz – wie ein Schalter, der, umgelegt, das, was immer schon da ist, ins Licht rückt.
Die Emma aus der Geschichte stellt fest, wie befreiend es ist, in der erfahrenen Liebe zu ruhen. Als sie erlebt, dass letztlich nichts Äußeres sie wirklich beschränken kann, erkennt sie, dass sie sich immer wieder für die Liebe entscheidet, von Moment zu Moment lebt und dabei voll und ganz akzeptieren kann, was auch immer in ihrem Leben gerade geschieht. Und infolgedessen verändert sie in ihrem Leben tatsächlich einiges. (…) Mehr
