fbpx

Moment by Moment

Interview mit Richard Davidson: Was uns aufblühen lässt

Der Neurowissenschaftler und Gründer des Center for Healthy Minds Richard Davidson erforscht seit Jahrzehnten die Verbindung von Körper und Geist und die Grundlagen echten Wohlbefindens. Seine Überzeugung: Wir alle tragen das Potenzial in uns, in der Welt aufzublühen. Im Gespräch mit moment by moment spricht er darüber, was uns Menschen von Natur aus mitgegeben ist, wie wir diese Fähigkeiten fördern und weiterentwickeln können – und warum sich am Ende alles um die Liebe dreht.

Interview: Tussi Maria Kluge, Norbert Classen | Foto: David
Nevala

Norbert: Lieber Richie, wir möchten uns erst einmal bei dir für die vielen besonderen Momente bedanken, die du im Laufe der Jahre mit uns geteilt hast – durch unsere Interviews und die Veranstaltungen, auf denen wir mit dir zusammenarbeiten durften. Meine erste Frage ist: Was genau verstehst du unter Born to Flourish, geboren, um zu erblühen?

Zunächst vielen Dank für die Gelegenheit, wieder einmal mit Tussi Maria und dir zu sprechen. Mit Born to Flourish meine ich, dass jeder Mensch mit einer angeborenen Fähigkeit – ja sogar einer Ausrichtung – zum Erblühen auf die Welt kommt. Ich definiere Erblühen anhand von vier zentralen Säulen: Achtsamkeit, Verbundenheit, Einsicht und Sinnhaftigkeit. Wir werden mit dem Potenzial geboren, jede dieser Säulen zu entwickeln. Doch genauso, wie sich Sprache nur dann entwickelt, wenn sie innerhalb einer Gemeinschaft erlernt und gefördert wird, muss auch das Erblühen gefördert werden. Indem wir diese vier Säulen pflegen, können wir unser menschliches Potenzial voll entfalten.

Tussi Maria: Lange bevor du begonnen hast, das Erblühen zu studieren, hast du es selbst erlebt. Wenn du auf deine Kindheit und Jugend zurückblickst: Was hat dir geholfen, dich zu entfalten?

Du hast einen besonderen Einblick in meine Familie, den nur sehr wenige andere Menschen haben. Ich war ein sehr glückliches Kind. Als ich noch sehr klein war, nannte mich meine Mutter immer „the Joy Boy“, weil ich die meiste Zeit fröhlich war. Ich hatte eine sehr optimistische Sicht auf die Welt. Wie wir in Amerika sagen: „Stuff happens.“ Wir können uns nicht vor Widrigkeiten schützen. Jeder Mensch ist damit konfrontiert, und irgendwann sterben wir alle. Die Herausforderung besteht darin, wie wir darauf reagieren. Mit Optimismus an die Welt heranzugehen und eher nach dem Guten im Menschen zu suchen als nach dem Schlechten, hat sich als unglaublich hilfreich erwiesen, um die Herausforderungen des Lebens zu meistern.

Als ich Psychologie und Neurowissenschaften studierte, wurde mir beigebracht, Menschen zu betrachten und herauszufinden, was mit ihnen nicht stimmte. Ich mache das Gegenteil: Ich suche nach dem, was an den Menschen stimmt und gut ist. Unsere Forschung hat gezeigt, dass die Förderung dieser positiven Eigenschaften nicht nur genauso wirksam ist wie die Behandlung negativer – sie führt auch zu nachhaltigeren positiven Veränderungen.

Tussi Maria: Ich bringe dein Kindness Curriculum (Programm zur Förderung von Güte) zu Tausenden von Kindern in Schulen und Kindergärten und sehe, wie kostbar es ist. Wie du oft sagst, scheinen sie alle eine rosarote Brille zu tragen … Was geschieht da?

Das ist die natürliche Veranlagung von Kindern. Leider unterdrücken viele Aspekte unserer Kultur sie nach und nach. Wir werden geboren, um gütig zu sein. Wir werden geboren, um zu erblühen. Es liegt in unserer Verantwortung als Erwachsene, diese Eigenschaften zu fördern, damit sie trotz der Widrigkeiten, denen Kinder später begegnen, lebendig bleiben. Wir wissen, dass das Gehirn von Kindern besonders formbar ist. Genauso, wie es früh im Leben einfacher ist, eine zweite Sprache oder ein Musikinstrument zu erlernen, ist es auch einfacher, die Fähigkeiten zum Erblühen zu erlernen. Wenn diese Fähigkeiten früh gefördert werden, bleiben sie den Kindern erhalten und helfen ihnen, sich positiv zu entwickeln. Das ist für die Zukunft unserer Spezies von entscheidender Bedeutung.

Tussi Maria: Du hast über viele Jahre bei Mingyur Rinpoche studiert. Wenn er an einer Universität lehrt, hebt er manchmal die Hand und fragt: „Seht ihr meine Hand?“ Die Studierenden antworten: „Ja.“ Und er sagt: „Nun, das ist Meditation.“ Was war es an ihm – nicht nur wissenschaftlich, sondern auch persönlich –, was dich so stark fasziniert hat? Ich liebe besonders seine kindliche, freudvolle und einfache Art zu lehren.

Die liebe ich auch. Ich habe Mingyur Rinpoche 1995 kennengelernt, als er noch ein Teenager war. Später kam er als einer der ersten Langzeitmeditationspraktizierenden, die wir untersucht haben, in unser Labor, und kurz darauf wurde ich sein Schüler. Mich hat schon immer genau das tief berührt, was du beschreibst. Er hat so eine kindliche Verspieltheit und Leichtigkeit und die außergewöhnliche Gabe, komplexe Dinge einfach zugänglich zu machen. Zudem ist er das Gegenteil von starr. Statt gegen den Verstand anzukämpfen, lehrt er uns, uns mit ihm anzufreunden. Ich bin schon oft mit ihm gereist. Wir haben Flüge verpasst, hatten Verspätungen und alle möglichen unerwarteten Situationen, und ich habe ihn nie gereizt oder wütend gesehen. Was man sieht, ist genau das, was er ist – zu jeder Zeit. Das ist ziemlich bemerkenswert.

Norbert: Apropos Mingyur Rinpoche: Was haben seine Gehirnscans gezeigt?

Wir begannen 2002, mit Mingyur Rinpoche zusammenzuarbeiten. Es war wichtig, jemanden mit diesem außergewöhnlichen Erfahrungsniveau zu untersuchen, denn wenn wir in seinem Gehirn keine Unterschiede festgestellt hätten, wäre es unwahrscheinlich gewesen, sie bei weniger erfahrenen Meditierenden zu finden. Tatsächlich fanden wir dramatische Unterschiede – so groß, dass wir sie zunächst für Messfehler hielten. Wir führten ein Jahr lang Kontrollversuche durch, bis wir uns und die wissenschaftliche Gemeinschaft überzeugt hatten, dass die Ergebnisse zutreffend sind. Wir fanden Gamma-Oszillationen mit ungewöhnlich hoher Amplitude – sehr schnelle Gehirnwellen, die mit gesteigertem Bewusstsein und synaptischer Plastizität in Verbindung stehen –, die über verschiedene Regionen des Gehirns hinweg in hohem Maße synchronisiert waren. Wenn Mingyur Rinpoche sein Bewusstsein beschreibt, spricht er von einem lebhaften und panoramaartigen Bewusstseinsfeld. Wir glauben, dass diese Synchronität das neuronale Korrelat dieses erweiterten Bewusstseinsfeldes ist.

Jahre später, nachdem wir über einen Zeitraum von zwölf Jahren MRT-Aufnahmen gesammelt hatten, konnten wir untersuchen, wie schnell sein Gehirn alterte. Im Vergleich zu etwa 1.000 Personen ähnlichen Alters in einer Normdatenbank alterte sein Gehirn langsamer als das aller anderen. Wir können die Alterung des Gehirns nicht aufhalten, aber diese Ergebnisse legen nahe, dass Praktiken wie die von Mingyur Rinpoche das Altern des Gehirns verlangsamen. Das hat wichtige Auswirkungen auf Neurodegeneration und Demenz, die bei älteren Menschen weitaus häufiger auftreten.

Tussi Maria: Ich erinnere mich, dass Amishi Jha einmal das Gehirn meines Mannes John Kluge untersucht hat – er war damals 80 –, und sie sagte, es sei wie das eines 50-Jährigen. Aber kommen wir zur nächsten Frage: Unsere jetzige Ausgabe von moment by moment trägt den Titel „Yes you can!“ Was ist deine persönliche Toolbox, die dir hilft zu erblühen?

Meine Toolbox umfasst eine Reihe von Werkzeugen, aber eines davon ist, dass ich jeden Tag meditiere. Ich glaube, ich habe in mehr als zwanzig Jahren keinen einzigen Tag ausgelassen. Aber noch wichtiger ist, wie ich das, was ich lerne, wenn ich mich aufs Meditationskissen setze, in meinen Alltag einbringe.

Eine Sache, die ich immer tue, hat mit dem Essen zu tun. Wir alle essen mehrmals am Tag. Das ist eine wunderbare Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie viele Menschen daran beteiligt waren, dass das Essen auf deinem Teller gelandet ist. Ganz schnell wird dir dadurch bewusst, wie sehr wir voneinander abhängig sind – dass wir keine abgelegenen Inseln sind. Öffne dann einfach dein Herz für diese Menschen, aus Dankbarkeit für diese schöne Gelegenheit. So kann aus einer Alltagshandlung etwas Heiliges werden. Dergleichen können wir jeden Tag tun, um unserem Leben Sinn zu verleihen, und es trägt dazu bei, dass wir aufblühen. (…) Mehr

Diese Leseprobe endet hier. Möchten Sie weiterlesen? Unsere Ausgabe „Yes you can! Mut finden. Dir vertrauen. Deinen Weg gehen“ können Sie bequem online bestellen.

Zur Ausgabe „Yes you can! Mut finden. Dir vertrauen. Deinen Weg gehen“ im Shop

Scroll to Top