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Das Impostor-Syndrom: Selbstzweifel ist keine Diagnose

Kaum ein Begriff scheint unsere modernen Selbstzweifel so treffend zu beschreiben wie das sogenannte Impostor-Syndrom: die Angst, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben und irgendwann als Hochstaplerin entlarvt zu werden. Doch was als entlastende Erklärung beginnt, kann leicht zur neuen Selbstdiagnose werden. Anne Frobeen geht dem Impostor-Phänomen wissenschaftlich und persönlich auf den Grund – und plädiert für einen achtsameren Umgang mit Selbstzweifeln, jenseits vorschneller Selbstdiagnosen.

Text: Anne Frobeen | Foto: master1305, istock

Als ich zusagte, einen Artikel über das Impostor-Syndrom zu schreiben, dachte ich zunächst: Das Thema ist dankbar. Kaum ein Medium kommt derzeit ohne Beiträge darüber aus. Viele Menschen erkennen sich darin wieder: in der Angst, nicht gut genug zu sein, in dem Gefühl, andere könnten irgendwann merken, dass man gar nicht so kompetent ist, wie sie bisher geglaubt haben.

Doch je tiefer ich in die Forschung eintauchte, desto mehr verschob sich meine Fragestellung. Ich wollte nicht mehr nur wissen: Was ist das Impostor- Syndrom? Sondern: Warum reden wir so selbstverständlich davon, als handle es sich um eine klar umrissene Störung? Und was passiert mit uns, wenn wir jedem Selbstzweifel einen Namen geben, der nach Diagnose klingt?

Je länger ich recherchierte, desto öfter fragte ich mich: Bin ich vielleicht selbst betroffen? Denn natürlich kenne ich diese Angst. Ich erlebe sie, wenn ich öffentlich etwas Neues wage – etwa einen Kurs zu einem Thema gebe, das ich noch nie unterrichtet habe. Oder wenn ich zum ersten Mal ein schwieriges Orgelstück spiele. In solchen Momenten baut mein Kopf erstaunlich schnell eine Bühne für kleine Katastrophen: Was, wenn ich den Faden verliere? Was, wenn ich plötzlich nichts mehr weiß? Was, wenn andere merken, dass ich nicht genüge?

Gleichzeitig weiß ich: Ich bin gut vorbereitet. Ich habe geübt, gelesen, nachgedacht. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass alles zusammenbricht. Und trotzdem meldet sich diese innere Stimme: Und wenn doch? Früher hätte ich diese Angst vielleicht für einen Beweis gehalten, dass etwas mit mir nicht stimmt. Heute frage ich mich eher: Ist das schon ein Syndrom – oder einfach eine zutiefst menschliche Reaktion darauf, sichtbar zu werden?

Was ursprünglich gemeint war

Das Impostor-Phänomen wurde 1978 von den US-amerikanischen Psychologinnen Pauline R. Clance und Suzanne A. Imes beschrieben. In ihrer Arbeit mit erfolgreichen Frauen beobachteten sie, dass manche ihre nachweisbaren Leistungen innerlich kaum annehmen konnten. Stattdessen erklärten sie ihren Erfolg mit Glück, Zufall oder übermäßiger Anstrengung und lebten mit der ständigen Angst, irgendwann als „Hochstaplerin“ entlarvt zu werden.

Im Kern geht es also nicht um gewöhnliche Nervosität vor einer Aufgabe. Es geht um die hartnäckige Überzeugung, die eigene Kompetenz nur vorzutäuschen. Auffällig ist allerdings: Clance und Imes sprachen vom Impostor-Phänomen, nicht vom Impostor-Syndrom. Das ist mehr als eine sprachliche Feinheit. Ein Phänomen beschreibt eine Erfahrung. Ein Syndrom klingt nach einer Störung. Und genau hier beginnt mein Unbehagen.

Ich habe die in der Forschung häufig verwendete Clance Impostor Phenomenon Scale (CIPS) selbst ausgefüllt. Schon beim Beantworten der Fragen fiel mir auf, wie stark sie um ein bestimmtes inneres Narrativ kreisen: Habe ich andere über meine Kompetenz getäuscht? Schreibe ich meinen Erfolg dem Zufall zu? Fürchte ich, irgendwann entlarvt zu werden?

Mein Ergebnis: Ich zeige nur wenige Merkmale des Impostor-Phänomens. Aber ein paar Punkte mehr und ich wäre im Bereich „moderat“ gelandet. Das brachte mich ins Grübeln: Wo genau verläuft die Grenze zwischen gesunder Selbstkritik, Perfektionismus und Angst vor Bewertung – und einem Phänomen, das heute oft wie eine Diagnose behandelt wird?

Warum der Begriff so verführerisch ist

Ich verstehe gut, warum der Begriff so erfolgreich ist. Er gibt einem beschämenden Gefühl einen Namen. Wer sagt: „Ich habe das Impostor-Syndrom“, muss nicht mehr sagen: „Ich habe Angst.“ Oder: „Ich glaube, ich genüge nicht.“ Der Begriff schafft Zugehörigkeit und signalisiert: Du bist nicht allein. Gleichzeitig kann ein Etikett entlasten – oder etwas verfestigen. Es hilft, Erfahrungen einzuordnen. Es kann aber auch dazu führen, dass wir sie für größer und dauerhafter halten, als sie sind. Dann wird aus einem Gedanken von uns selbst leicht eine Identität.

Dabei entstehen Selbstzweifel nicht immer nur im Inneren. Frauen, Minderheiten oder Menschen, die als Erste neue Räume betreten, reagieren oft auch auf reale Erfahrungen von Ausgrenzung oder subtiler Abwertung. Wer vorschnell alles als Impostor-Syndrom deutet, übersieht leicht diese äußeren Bedingungen.

Was Achtsamkeit anders fragt

Aus der Perspektive der Achtsamkeit interessiert mich weniger, welches Etikett wir einer Erfahrung geben. Mich interessiert, was in dem Moment tatsächlich geschieht. Da ist der Gedanke: Ich bin nicht gut genug. Da ist Enge im Brustraum, flacher Atem, Hitze im Gesicht. Da ist das Bild, andere könnten den Kopf schütteln oder sich abwenden. Und da ist der Impuls, all das sofort für wahr zu halten.

Achtsamkeit bedeutet nicht, diese Gedanken wegzuschieben oder sich mit positiven Sätzen zu beruhigen. Sie beginnt damit, wahrzunehmen: Da ist ein Gedanke. Da ist Angst. Da ist Scham. Da ist ein altes Muster, das gerade aktiv wird. Ich muss ihm nicht folgen, nur weil es laut ist. Für mich liegt genau darin der Unterschied. Wenn ich die Angst als „mein Impostor-Syndrom“ etikettiere, verbinde ich mich womöglich noch stärker mit ihr. Erkenne ich sie dagegen als Angst – als Bewegung in Körper und Geist –, entsteht Raum. Dann kann ich ihr freundlich begegnen: „Ach, da bist du. Ich kenne dich. Du willst mich schützen. Aber du musst nicht entscheiden, ob ich spielen, sprechen, schreiben oder sichtbar werden darf.“ (…) Mehr

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