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Moment by Moment

Spotlight: Marathonläufer Amanal Petros

Frohnatur, Rekordhalter, „German Machine“

Mit 16 Jahren flieht Amanal Petros allein aus der äthiopischen Region Tigray nach Deutschland. Heute ist er der schnellste deutsche Marathonläufer aller Zeiten. Die Geschichte des Sportsoldaten ist geprägt von Flucht, großen Hürden und immer neuen Anfängen – vor allem aber von der Liebe zu seiner Familie und einer unerschütterlichen Zuversicht, die ihn bis an die Weltspitze getragen hat.

Text: Maya K. Schulz | Foto: Erik Forester

Die Luft über Tokio ist drückend heiß. Amanal Petros aber läuft. Es geht um die letzten Meter, die ihn noch von der Marathongoldmedaille trennen. Das Gesicht vor Anstrengung verzerrt, spurtet er auf die Ziellinie zu. Da holt der Tansanier Alphonce Felix Simbu zu ihm auf. Amanal wirft einen Blick über die Schulter – er kann es sich nicht verkneifen. Das Publikum tobt. Mit letzter Kraft wirft er sich ins Ziel und stürzt zu Boden, das Ziellinienband um den Körper gewickelt. Wer zuerst im Ziel war, ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Erst der Kamerabeweis zeigt: Amanal fehlen unglaubliche drei Hundertstelsekunden zur Goldmedaille. Noch nie zuvor in der WM-Geschichte des Marathons kamen Erster und Zweiter derart gleichzeitig ins Ziel. Doch noch spektakulärer ist Amanals Reaktion auf dieses dramatische Fotofinish: Er springt auf, macht die ikonische „Ice in my veins“-Geste – ein Zeichen unerschütterlichen Selbstvertrauens – und umarmt strahlend seine Teammanager. Stolz hält er später seine Silbermedaille in die Fernsehkamera.

Mit dieser Szene schreibt Amanal Petros bei der Leichtathletik-WM im Herbst 2025 Sportgeschichte. Für die „German Machine“, wie man ihn nennt, ist dieser historische Erfolg jedoch nur der sichtbare Höhepunkt eines extrem harten Berufs. Die Basis dafür legt er fernab der Kameras auf endlosen Trainingsstrecken.

Wurzeln in Tigray

Geboren ist der heute 31-Jährige in Assab, heute Teil Eritreas. Seit Jahrzehnten ist die Grenzregion von bewaffneten Konflikten geprägt. Im Alter von zwei Jahren flieht Amanal deshalb mit seiner Mutter in die äthiopische Region Tigray, aus der seine Eltern stammen. Doch auch dort bestimmen Gewalt und Unsicherheit seine Kindheit. Sein Vater verliert durch sein politisches Engagement früh das Leben; Amanal lernt ihn nie kennen. So wächst er bei seiner Mutter, einer Frau „stärker als alle Männer, die ich kenne, so stark wie ein Baum“, und seinen Großeltern auf – in einem Dorf ohne Strom, aber voller Liebe und Geborgenheit. Amanal glaubt, dass er gerade dort ein Urvertrauen entwickeln konnte, das ihn bis heute trägt: „Trotz all der Widrigkeiten, die ich später erlebt habe, bin ich deswegen ein durch und durch optimistischer Mensch geworden.“

Schon als kleiner Junge hütet er die Tiere der Familie und legt auf dem Weg zum Markt, wo er Honig, Eier und Hühner verkauft, täglich viele Kilometer zu Fuß zurück. Er vermutet, dass seine Leidenschaft für das Laufen dort ihren Anfang genommen hat. Mit den Jahren gerät er selbst unter den Verdacht, er stelle sich wie einst sein Vater gegen das Regime. Und so beschließt er mit 16 Jahren, aus dem Land zu fliehen, um sein Leben zu retten. Um seine Familie nicht zu gefährden, erzählt er niemandem davon.

Ein Zuhause im Laufen

Im Januar 2012 landet Amanal in Frankfurt am Main. Als sogenannter UMF, unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, kommt er in eine Unterkunft in Bielefeld. Die Sehnsucht nach seiner Familie erträgt er kaum. Gleichzeitig empfindet er große Dankbarkeit, dass er endlich in Sicherheit ist. Ständig sitzt ihm die Angst, nicht in Deutschland bleiben zu dürfen, im Nacken, und das lange Warten auf den Aufenthaltstitel ist zermürbend. Auf der Suche nach Gemeinschaft und Ablenkung landet er beim Fußballtraining. Dort erlebt er einen kleinen Kulturschock: Die Begrüßung mit Umarmung und Kuss, wie er sie kennt, stößt auf Irritation, und ein Teamkollege rät ihm, das in Deutschland lieber zu lassen. Amanal lernt die ungeschriebenen Regeln schnell, bewahrt sich aber seine offene und herzliche Art. Als er verletzungsbedingt pausieren muss, sucht er nach einem Weg, sich fit zu halten. Und so beginnt er schließlich mit der einen Sache, die sein Leben für immer verändern wird: dem Laufen.

Die Teilnahme an seinem ersten Wettkampf ist spontan: Mit Mütze auf dem Kopf und Kopfhörern in den Ohren gewinnt Amanal den Citylauf in Espelkamp. „Den Jungen mit der Mütze“ nennt ihn die Lokalzeitung begeistert am nächsten Tag. „Der Sport hat mir ein Zuhause gegeben während einer Zeit, in der es keinen Ort gab, der sich so anfühlte“, erinnert er sich. Einige Jahre später gründet er eine Laufgruppe für Geflüchtete – weil er dieses Gefühl weitergeben möchte.

Es folgen unzählige Wettkämpfe, Jahre intensiven Trainings und mehrere Vereinswechsel. Amanal bricht Rekorde auf sämtlichen Distanzen – nur international darf er lange nicht starten, denn seine Einbürgerung lässt bis zum Sommer 2015 auf sich warten. Im Laufe der Jahre nimmt jedoch ein Traum immer deutlicher Gestalt an: der Marathon.

„Mir ist klar, dass Träume und Ziele für viele Menschen nicht das Gleiche sind“, sagt Amanal. Ziele hielten viele für erreichbar, Träume dagegen nicht zwangsläufig. Für ihn ist das jedoch keine Frage von Glück, sondern von Eigenverantwortung: „Für mich wird jeder Traum automatisch zum Ziel. Wer, wenn nicht ich, sollte denn dafür sorgen, dass er sich erfüllt?“

Die Kunst, sich nicht umzudrehen

Trotz der Ermahnungen seines Trainers bleibt es für Amanal eine Herausforderung, dem Impuls zu widerstehen, kurz vor dem Ziel über die Schulter zu blicken, um den Abstand zu seinen Konkurrenten zu überprüfen. Eine problematische Angewohnheit, denn sie kostet ihn nicht nur Zeit, sondern verrät auch eine gewisse Unsicherheit: „Wer bei sich ist, muss gar nicht wissen, wie schnell oder langsam die anderen unterwegs sind, sondern konzentriert sich auf die eigene Zeit, den eigenen Lauf. Das eigene Ziel, die eigenen Träume.“ Diese Haltung ist weit mehr als eine Lauftaktik. Was Amanal beim Laufen nicht immer leichtfällt, prägt zugleich seinen Blick auf die Welt: nicht im ständigen Vergleich mit anderen, sondern aus sich selbst heraus. (…) Mehr

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