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Pema Chödrön: Wie unser Alltag zum Weg der Weisheit wird

Pema Chödrön, buddhistische Nonne in der tibetischen Tradition, Schriftstellerin und Äbtissin des Klosters Gampo in Kanada, inspiriert Menschen in aller Welt, den Herausforderungen des Lebens mit Offenheit, Mitgefühl und Weisheit zu begegnen. In ihrem Beitrag bringt sie uns näher, warum die Hürden und Widrigkeiten des Alltags zu unseren größten Lehrern gehören.

Text: Pema Chödrön | Foto: Liza Mathews

Eines Nachmittags fuhr ich in San Francisco mit dem Bus und las einen bewegenden Artikel über menschliches Leid und die Hilfe für andere. Der Gedanke, großzügiger zu leben und Menschen in Not beizustehen, berührte mich so tief, dass mir die Tränen kamen. Die anderen Fahrgäste schauten mich verwundert an. In diesem Moment empfand ich eine große Zärtlichkeit für alle Menschen und den aufrichtigen Wunsch, ihnen Gutes zu tun.

Kaum war ich zu Hause angekommen, erschöpft von dem langen Arbeitstag, klingelte das Telefon. Eine Bekannte fragte, ob ich an diesem Abend spontan ihre Meditationsgruppe übernehmen könnte. Ich antwortete: „Nein, tut mir leid, ich muss mich ausruhen“, und legte auf. Ob diese Entscheidung richtig oder falsch war, spielt hier keine Rolle. Entscheidend ist, dass wir immer wieder vor der gleichen Herausforderung stehen: Wie bringen wir die Inspiration der buddhistischen Lehren mit den ganz konkreten Situationen unseres Alltags in Einklang?

Naropa, ein indischer Yogi des 11. Jahrhunderts, begegnete eines Tages einer alten Frau auf der Straße. Sie fragte ihn, ob er die Worte des großen Buches verstehe, das er in den Händen hielt. Als er das bejahte, begann sie vor Freude zu tanzen. Dann fragte sie ihn, ob er auch die Bedeutung der Lehren verstanden habe. Wieder antwortete er mit Ja, weil er ihr gefallen wollte. Da beschimpfte sie ihn als Heuchler und Lügner. Diese Begegnung veränderte Naropas Leben. Er wusste, dass die alte Frau ihn durchschaut hatte: Er verstand die Worte, aber nicht ihren tieferen Sinn – obwohl er die Lehren brillant erklären konnte.

Wir können uns eine Weile vormachen, wir hätten verstanden, worum es in der Meditation und in den Lehren geht. Doch irgendwann holt uns das Leben ein. Plötzlich trägt all das, was wir verstanden zu haben glaubten, nicht mehr – wenn der Partner uns verlässt, das Kind im Supermarkt einen Wutanfall bekommt oder ein Kollege uns verletzt.

Als Naropa sich auf die Suche nach der Bedeutung hinter den Worten machte und nach einem Lehrer suchte, begegnete ihm dieser Widerspruch immer wieder. Intellektuell wusste er alles über Mitgefühl. Doch als er einem schmutzigen, von Läusen befallenen Hund begegnete, wandte er den Blick ab. Er wusste alles über Nicht-Anhaftung und Nicht-Beurteilen. Als sein Lehrer ihn jedoch bat, etwas zu tun, was er missbilligte, weigerte er sich. Auch wir bewegen uns ständig in diesem Spannungsfeld.

Unter diesem inneren Druck verengt sich unser Geist. Wir fühlen uns elend, hilflos und wie ein hoffnungsloser Fall. Doch ob Sie es glauben oder nicht: Gerade in Momenten der Überforderung oder Kränkung kann sich unser Geist weiten. Statt das Geschehene als Ausdruck persönlicher Schwäche oder als Macht eines anderen über uns zu deuten, können wir aufhören, uns über uns selbst und andere zu beklagen. Wir können einfach da sein, uns verletzlich fühlen, nicht wissen, was wir tun sollen, und in der rohen und zugleich zarten Energie des Augenblicks verweilen. Das ist der Punkt, an dem wir beginnen, den tieferen Sinn hinter den Worten und Konzepten zu begreifen.

Wenn wir das nächste Mal den Boden unter den Füßen verlieren, lasst uns das nicht als Hindernis betrachten, sondern als Glücksfall. Genau dieser fehlende Halt könnte uns weicher machen und inspirieren. Uns werden ständig Veränderungen geschenkt. Wir können uns entweder an Sicherheit klammern oder uns dem Gefühl der Verletzlichkeit hingeben, als wären wir gerade erst geboren worden, gerade erst in das helle Licht des Lebens getreten, völlig nackt.

Das mag beängstigend klingen. Doch genau darin liegt die Chance, zu erkennen, dass diese Welt, so, wie sie ist, die einzige Wirklichkeit ist, die wir haben – und sie endlich mit neuen Augen zu sehen. Die reine Gegenwärtigkeit wird in diesem Moment der Enge greifbar. Genau hier, in der Ungewissheit des alltäglichen Wirrwarrs, liegt unser eigener Weisheitsgeist.

Wie können wir also mit dem umgehen, was unserem Glück im Weg steht?

In der Meditation erkennen wir: Die Freude ist in jedem Augenblick bereits vorhanden – wir müssen nur aufhören, sie zu verdecken. So können wir die grundlegende Güte in uns erkennen – sie ist unser Geburtsrecht. Wenn uns das gelingt, lasten Schwermut, Sorge und Groll nicht länger auf uns. Das Leben fühlt sich weit an, wie Himmel und Meer – es gibt Raum, zu atmen, zu entspannen, zu schwimmen, so weit hinaus, bis das Ufer aus dem Blick gerät.

Die Zeiten sind weltweit schwierig. Erwachen ist weder ein Luxus noch ein Ideal, sondern eine Notwendigkeit. Es ist unerlässlich, dass wir lernen, besonnen mit schwierigen Zeiten umzugehen. Die Erde scheint uns geradezu anzuflehen, uns mit der Freude zu verbinden und unser innerstes Wesen zu entdecken. Das ist der beste Weg, wie wir anderen helfen können.

Es gibt drei traditionelle Methoden, um schwierige Umstände als Weg zum Erwachen und zur Freude zu nutzen.

Kein Kampf mehr

Die erste Methode zeigt sich am besten in der Shamatha-Vipashyana-Meditation – einer Form der Achtsamkeitsmeditation, die Ruhe und Einsicht miteinander verbindet. Was auch immer beim Meditieren in uns aufsteigt – wir betrachten es unmittelbar, haken es als „Denken“ ab und kehren zurück zur Einfachheit und Gegenwärtigkeit unseres Atems. Die Meditationspraxis ist unser Weg, nicht länger mit uns selbst zu kämpfen oder uns gegen Umstände, Gefühle und Stimmungen zu wehren. Diese einfache Anweisung ist ein Werkzeug für unser ganzes Leben: Allem, was auftaucht, können wir völlig ohne Wertung begegnen. Die tibetische Yogini Machig Labdrön verkörperte diese furchtlose Haltung. Sie erklärte, dass Dämonen in ihrer Tradition nicht ausgetrieben werden, sondern ihnen mit Mitgefühl begegnet wird.

Ein Rat ihres Lehrers, den sie später an ihre Schüler weitergab, lautete: „Nähere dich dem, was dich abstößt; hilf jenen, bei denen du glaubst, du könntest ihnen nicht helfen; und suche die Orte auf, die dir Angst machen.“ Damit beginnen wir, wenn wir den Kampf gegen uns selbst aufgeben. (…) Mehr

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