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Starköchin Asma Khan in ihrem Restaurant in London umgeben von ihrem Team

Der Geschmack von Freiheit

Ihre Geschichte klingt wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Asma Khan, eine zweitgeborene Tochter und damit eine finanzielle Belastung im traditionellen Indien, verlässt ihre Heimat und betreibt heute in London ein Toprestaurant. Ihr Team: allesamt indische Hausfrauen ohne Ausbildung. Eine Geschichte über eine Frau, die Wut in Mut verwandelt hat.

Text: Akiko Lachenmann | Fotos: Ming Tang Evans

Asma Khan sagt, ein Schlüsselerlebnis habe ihren Charakter geprägt. Sie war erst dreieinhalb Jahre alt, Tochter einer traditionellen Adelsfamilie in der Millionenmetropole Kalkutta. Damals ahnte sie schon, dass irgendetwas mit ihrem Vorhandensein und dem ihrer älteren Schwester nicht stimmte. Immer wieder fragten Nachbarn, Verwandte und Freunde, wann denn die Familie endlich vollständig würde. Dann kam ihr Bruder zur Welt, der erste Sohn, und Asma begriff, was gemeint war. „Die Gratulanten strömten nur so herbei und erwarteten ein großes Freudenfest, mit Feuerwerk und traditionellen Süßspeisen“, erinnert sie sich. Dazu muss man wissen, dass in Indien Söhne klar bevorzugt werden. Töchtern wünscht man vor ihrer Hochzeit: „Mögest du die Mutter von 1.000 Söhnen sein.“ Denn vor allem in den ländlichen Regionen wird bis heute eine Mitgift verhandelt, wenn Eltern ihre Tochter verheiraten wollen, obwohl das Gesetz dies inzwischen verbietet. Der Staat stellte auch unter Strafe, das Geschlecht des Kindes vor der Geburt in Erfahrung zu bringen, weil Mädchen über Jahrzehnte hinweg abgetrieben wurden. Nach Angaben des Vereins SOS Kinderdorf ist die Folge, dass jährlich 25.000 Mädchen nach der Geburt getötet werden. Asmas Eltern ignorierten die hohen Erwartungen ihres Umfelds. Sie feierten die Ankunft ihres Sohnes nicht anders als die ihrer Töchter. Unter diesem Eindruck stiegen in Asma zwei Gefühle auf, die sie Zeit ihres Lebens nicht mehr verließen: Wut auf die Gesellschaft und damit verbunden die Lust, zu beweisen, dass Mädchen genauso wertvoll sind wie Jungs, aber auch eine große Dankbarkeit gegenüber ihrer Mutter. „Trotz ihrer traditionellen Wurzeln hat sie nie ein Kind bevorzugt“, sagt sie. „Vielleicht weil sie selbst die dritte von fünf Töchtern war.“ Ihre Eltern gaben ihr das Selbstbewusstsein, einen ungewöhnlichen Lebensweg vor sich zu haben. Zunächst verläuft Asmas Leben jedoch in ruhigen Bahnen. In jungen Jahren wird sie von ihren Eltern nach traditioneller Sitte verheiratet. Ihr Mann Mushtaq ist ein Wirtschaftswissenschaftler, der im englischen Cambridge lehrt. Sie folgt ihm dorthin, doch bald überfällt sie großes Heimweh. Deshalb reist sie zurück nach Indien, um von ihrer Familie Kochen zu lernen. „Wenn du in der Fremde weder Freunde noch Familie hast, dann holst du wenigstens die vertrauten Düfte in die Küche.“ Durch die unterschiedliche Herkunft beider Elternteile kann sie auf einen reichen Fundus an außergewöhnlichen Rezepten zurückgreifen. Die Familie des Vaters zeigt ihr Rezepte der Mogulküche, die arabische und persische Einflüsse aufweist. Von ihr stammt Asmas berühmtes Biryani-Rezept, ein gewürzter Kräuterreis aus langkörnigem Basmatireis, vermengt mit Rosinen, Nüssen, Kokosnuss, Fleisch und Sahne. Die Mutter zeigt ihr unter anderem besondere Desserts aus der ostindischen Bihari-Küche, die aus der Heimat der Großmutter stammen, darunter Halwas und exotisch gewürzte Milchreisspeisen. Die Verwandtschaft kann damals nicht ahnen, welche Folgen der Kochunterricht haben wird. Denn Asmas erklärtes Ziel ist eigentlich, als Anwältin zu arbeiten. „Meine Eltern sollten schließlich stolz auf mich sein.“ Sie promoviert am King’s College in Jura zur britischen Verfassung – und wird danach schwanger. „Im Grunde spürte ich schon damals, dass mein Herz für etwas anderes schlägt“, sagt sie im Rückblick. (…) Mehr

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Dieser Artikel stammt aus der Frühjahrs-Ausgabe 01/2021: Never Give Up. Mit Mut, Hingabe und Selbstvertrauen den eigenen Weg gehen.

„Ich hatte nie vor, Karriere zu machen, ich wusste nicht, was ein Businessplan ist, und hatte noch nie Powerpoint benutzt.”

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