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Interview mit Ariadne von Schirach: Was es heißt, Mensch zu sein

Kaum jemand sonst erfasst die soziale Dimension von Sprache so treffend, tief und direkt wie Ariadne von Schirach. Das Gespräch mit der Philosophin fand einen Tag nach der Flutkatastrophe statt, die im Juli mitten in Deutschland mehr als 180 Leben kostete und zahllose Existenzen und ganze Dörfer zerstörte. Im Interview erklärt die Autorin, wie wir auch in all diesem Chaos ins Gespräch mit unserem eigenen Geist kommen können, um auszuloten, was uns wirklich wichtig ist.

Interview: Norbert Classen | Foto: Julien Menand

Liebe Ariadne, als wir das letzte Mal miteinander sprachen, hattest du gerade dein Buch Die psychotische Gesellschaft fertiggestellt, in dem du den ganzen Wahnsinn unserer modernen Gesellschaft treffend analysiert hast, die allgemeine Identitätskrise und den kollektiven Realitätsverlust. Das war im Januar 2019, kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Hättest du dir je träumen lassen, dass die Dinge derart aus dem Ruder laufen? Wie hast du diese Zeit erlebt?

Ich habe das Gefühl, dass die Dinge noch viel mehr aus dem Ruder laufen könnten. Wir haben überhaupt keine Ahnung, welche inneren Krisen und äußeren Veränderungen noch bevorstehen. Aber wir alle haben gerade erfahren, was es bedeuten kann, wenn ein normales Leben für lange Zeit nicht möglich ist.
Für mich war Corona eine zwiespältige Zeit. Ich bin davon berührt und verletzt worden und muss noch begreifen, was diese Erfahrung für mich bedeutet hat. Trotzdem habe ich den Impuls, alles zu vergessen und einfach so weiterzumachen, als wäre nichts passiert. Da merke ich, wie tief und dicht das Verdrängen ist, die Bequemlichkeit. Ein anderer Teil von mir will sich erinnern und an dieser Zeit, diesen Gefühlen festhalten. Corona war eine Endlichkeitserfahrung, die uns mit dem, was wir auch kollektiv oft verdrängen und vergessen, konfrontiert hat: mit unserer Verletzlichkeit, unserer Abhängigkeit, unserem Tod, auch als Spezies.
In diesem Kontext dachte ich eine Weile, dass nach Corona vor der Klimakrise ist. Bis mir klar wurde, dass Corona schon ein Teil der Klimakrise ist, weil die Krise als große Krise darin besteht, dass unsere Lebensweise im Konflikt mit dem planetaren Ökosystem steht. Das wiederum hat auch etwas damit zu tun, dass wir um des Profits willen die Lebensräume der Tiere zerstören und ein massenhaftes Artensterben mitverantworten und dass wir fragile terrestrische Balancen durch unbeherrschten Konsum, rücksichtslosen Raubbau oder die Verschmutzung der Atmosphäre durcheinanderbringen. Wobei dadurch nicht nur die Natur bedroht ist. Wir selbst sind bedroht. Unser eigenes Überleben.

Die gesellschaftliche Spaltung zieht sich inzwischen mitten durch Familien, zerstört Freundschaften und das Vertrauen in Staat und Wissenschaft. Wie kann es uns deiner Meinung nach gelingen, trotz Verschwörungstheorien und Vertrauensverlust wieder ins Gespräch zu kommen und zu einem gesunden „kollektiven Wir-Erleben“, wie du es damals genannt hast, zurückzukehren?

Also, ein gesundes kollektives Wir-Erleben gibt es natürlich kurz vor einem großen Fußballspiel. Das Problem ist, dass Gemeinschaft nicht leicht herzustellen ist; sie erzeugt sich eher. Schön wäre es, wenn Deutschland ein Gemeinschaftsgefühl bekommt als eine lokale Überlebensgemeinschaft ganz verschiedener Menschen, die miteinander das Leben üben und ihre Unterschiedlichkeit aushalten können. Denn es gibt ja keine endgültig guten oder schlechten Menschen. Natürlich ist so etwas wie Coronaleugnung Quatsch und schlimm, und es gibt ja in diesen Dunstkreisen noch viel Schlimmeres wie Neonazis, Antisemitismus oder Gewalt gegen Muslime. Aber letztlich glaubt jeder von uns an irgendetwas. Und obwohl wir uns in unseren Überzeugungen unterscheiden, haben wir Menschen doch viel mehr gemeinsam, als uns trennt. Nicht nur, dass wir alle einzigartig sind, sondern auch, dass wir uns auf dieser Erde beheimaten und gemeinsam überleben müssen. Um beides müssen wir uns bemühen, beides ist nicht gegeben – daran hat uns Corona erinnert, und daran wird uns jetzt diese schlimme Wasserflut vielleicht noch deutlicher erinnern.
Mein Gefühl ist, dass es immer mehr solche Erinnerungen geben wird. (…) Mehr

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Dieser Artikel stammt aus der Herbst-Ausgabe 03/2021: Kommunikation. Sprechen und zuhören mit Wertschätzung und Präsenz.

“Für mich hat Glück viel mit Genügsamkeit zu tun, mit der Fähigkeit, sich an sich selbst zu erfreuen, sich in einem Gespräch zu erfrischen und offen für Zufälle und Überraschungen zu sein.

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