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Richard Davidson bei einem Vortrag

Richard Davidson

Richard Davidson ist einer der bekanntesten Neurowissenschaftler unserer Zeit. Er lehrt als Psychologieprofessor an der University of Wisconsin-Madison und erforscht im Center for Investigating Healthy Minds den Einfluss von Meditation auf das Gehirn und unser Wohlbefinden. Im Interview erklärt er, welche Faktoren dafür verantwortlich sind, ob wir uns wohlfühlen und wie wir diese auch in schwierigen Zeiten aktivieren und stärken können.

Interview: Norbert Classen | Fotos: Chris Zvitkovits

Lieber Richard, wir leben gerade in einer schwierigen, herausfordernden Zeit, und das wirft die Frage auf: Welche Rolle spielt Wohlbefinden, wenn wir mit Unsicherheit, Ängsten, Not und Leid konfrontiert sind? Wie können wir in so einer Lage zu einem Gefühl des Wohlbefindens gelangen?

Ja, wir befinden uns gerade weltweit in einer sehr herausfordernden Zeit, und viele der Herausforderungen, vor denen wir stehen, können wir nicht kontrollieren, wie das Virus oder die mit ihm verbundenen Probleme. Dazu gehören Herausforderungen wie Einsamkeit, das Bewusstsein unserer eigenen Sterblichkeit, viele negative Selbstgespräche oder das Gefühl von Sinnlosigkeit. Das sind Krisenzustände, die wir vom Center of Healthy Minds auf ein Versagen, Wohlbefinden zu kultivieren, zurückführen. Auch ungeachtet der Herausforderungen glauben wir, dass es noch nie so wichtig war, die Botschaft zu verbreiten, dass Wohlbefinden tatsächlich gelernt werden kann. Sogar mit all den Widrigkeiten, mit denen wir jetzt konfrontiert sind, können wir besser umgehen, und wir können unsere Reaktion auf sie transformieren. Das heißt nicht, dass wir in unserem Engagement nachlassen sollten, die äußeren Faktoren so weit wie möglich zu verändern, aber eine andere Reaktion könnte ein großer Gewinn sein, der Auswirkungen auf unser Wohlbefinden und auch auf unsere körperliche Gesundheit hätte. Die Gesundheitsbehörden haben uns beispielsweise gebeten, „Social Distancing“ zu praktizieren. Meiner Ansicht nach ist das eine sehr unglückliche Wortwahl für körperliche Distanz. Denn in der heutigen Welt können wir sozial verbunden bleiben und dabei dennoch körperlich Abstand halten. So ist gerade das Befolgen öffentlicher Gesundheitsempfehlungen ein Akt der Freigebigkeit. Wir tun das nicht nur für uns, sondern zum Nutzen anderer, indem wir nicht zu Überträgern des Virus werden. Die Fähigkeit, die Herausforderungen in einem anderen Licht zu sehen, ist folglich sehr wichtig, damit wir besser mit ihnen umgehen können, und sie kann auch dazu beitragen, dass wir die Empfehlungen der Gesundheitsbehörden befolgen. Neue Daten unseres Zentrums zeigen, dass Menschen, die letztes Jahr vor der Pandemie in Fähigkeiten trainiert worden sind, die das Wohlbefinden fördern, jetzt eher Mund-Nasen-Masken tragen und ganz allgemein den Empfehlungen eher folgen. Und zwar, weil sie die Befolgung der Empfehlungen als einen sozialen Akt verstehen, als eine einfache Handlung, die anderen nützt. Eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten belegt übrigens, dass unser emotionaler und psychischer Zustand das Ausmaß beeinflussen kann, in dem Impfstoffe tatsächlich eine Antikörperreaktion hervorrufen, was ja ihre Wirksamkeit bestimmt. Wir wissen nicht, ob das auch für die Covid-Impfstoffe gelten wird, aber die Tatsache, dass das in der Vergangenheit für einige andere Impfstoffe nachgewiesen werden konnte, lässt erwarten, dass dies auch hier gilt. Und das ist eine Win-win-Situation, denn das Kultivieren des Wohlbefindens wird in keinem Fall schaden. Im Gegenteil wird es unser seelisches, emotionales Wohlbefinden sicherlich beeinflussen, und das hat wahrscheinlich auch Auswirkungen auf diese biologischen Abläufe.

Welche Faktoren bestimmen deiner Ansicht nach, dass wir uns wohlfühlen? Gibt es da z.B. auch eine genetische Veranlagung?

Zuerst zu deiner zweiten Frage: Es gibt eindeutig eine genetische Veranlagung, aber das sagt überhaupt nichts darüber, in welchem Maße sie formbar ist. Wir wissen, dass Eigenschaften mit einer hohen Manifestationswahrscheinlichkeit gemäß den Mendel’schen Gesetzen dennoch durch Umweltfaktoren verändert werden können. Das wahrscheinlich prägnanteste Beispiel ist Phenylketonurie (PKU), eine einfache, genetisch bedingte Krankheit, die durch eine Ernährungsumstellung komplett verändert werden kann. Dass etwas genetische Ursachen hat, sagt also überhaupt nichts darüber, inwieweit es veränderbar ist. Das ist ein tief sitzendes Missverständnis in den öffentlichen Medien. Daher ist alles, was wir zur Aufklärung dieses Mythos tun können, wichtig. Hinzu kommt, dass genetische Faktoren gar nicht für so vieles verantwortlich sind. Sicherlich weniger als 50 Prozent. Selbst wenn du also an etwas glaubst, was falsch ist, bleibt noch viel Bewegungsspielraum, und es gibt noch viele weitere Einflussfaktoren auf das Wohlbefinden außer der Genetik.

Welche siehst du noch?

In unserem Zentrum haben wir über ein Bezugssystem geschrieben, das wir die Formbarkeit des Wohlbefindens genannt haben, also: In welchem Maße kann Wohlbefinden verändert werden, und welche Faktoren sind dafür verantwortlich, egal um welche Veränderungen es sich handelt? Nach diesem System gibt es vier Säulen des Wohlbefindens. Die erste ist Achtsamkeit, was unsere Fähigkeit umfasst, unsere Aufmerksamkeit zu steuern. Sie schließt auch etwas ein, das Psychologen und Neurowissenschaftler Metabewusstheit (metaawareness) nennen. Damit ist gemeint, dass wir wissen, was unser Geist tut. Vielleicht erscheint das den Lesern ein bisschen seltsam: Wissen wir denn nicht alle, was unser Geist tut? Ich glaube, viele Menschen, ich eingeschlossen, haben schon erlebt, dass sie in einem Buch lesen, aber nach ein paar Seiten feststellen, dass sie überhaupt nicht wissen, was sie da gerade gelesen haben. Du warst gedankenverloren, dein Geist war irgendwo anders. Dieses Erkennen ist ein Moment von Metabewusstheit, durch den du deinen Geist zurück zum Lesen bringen kannst. Darum ist Metabewusstheit so wichtig. Das sind die Bestandteile von Achtsamkeit. Und es hat sich herausgestellt, dass Menschen signifikant weniger glücklich sind, wenn sie abgelenkt sind und ihre Metabewusstheit nicht einsetzen können. Sie hat also einen direkten Einfluss auf das Wohlbefinden. Die zweite Säule ist das, was wir Verbindung nennen. (…) Mehr

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Dieser Artikel stammt aus der Frühjahrs-Ausgabe 01/2021: Never Give Up. Mit Mut, Hingabe und Selbstvertrauen den eigenen Weg gehen.

„Social Distancing ist meiner Ansicht nach eine sehr unglückliche Wortwahl für körperliche Distanz. Denn in der heutigen Welt können wir sozial verbunden bleiben und dabei dennoch körperlich Abstand halten.”

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